Wintermädchen

Titel: Wintermädchen
Originaltitel: Wintergirls
Autor: Laurie Halse Anderson
Genre: Jugendbuch
Seiten: 317
ISBN: 978-3473353217

Erste Sätze:
Und dann sagt sie es mir, Wärter und Cranberrymuffin krümmeln aus ihrem Mund, die Kommas fallen ihr in den Kaffee. Sie teilt es mir in vier Sätzen mit. Nein, fünf.
Ich will das nicht hören, aber es ist zu spät. Die Wahrheit pirscht sich heran und bohrt sich in mich hinein. Als sie zum Schlimmsten kommt,
…. Ihr lebloser Körper wurde im Zimmer eines Motels aufgefunden, ganz allein…..
gehen bei mir sämtliche Rollläden herunter, ich mache dicht.

Klappentext:
Ich rolle mich mit dem Gesicht zur Wand. Glasscherben rasen auf mein Herz zu, weil Cassie tot wie Stein ist. Sie starb im Gateway Motel, und ich bin schuld. Nicht die Modezeitschriften oder das Internet oder die fiesen Lästermädchen im Umkleideraum oder die hormongeschädigten Junges auf dem Pausenhof. Nicht die Erfinder von Kleidergröße 0 und 00. Nicht mal ihre Eltern.
Ich bin nicht ans Telefon gegangen.

Inhalt:
Seit ihrer Kindheit sind Lia und Cassie beste Freundinnen, teilen alles miteinander und haben Geheimnisse vor den Erwachsenen. Eines dieser Geheimnisse ist der Pakt, den sie zu Silvester schließen: Lia möchte das dünnste Mädchen der Schule werden, Cassie verspricht, noch dünner als Lia zu werden und so beginnt ein makaberer Wettstreit zwischen den Freundinnen. Die Zwei wachsen heran und entwickeln ihre Leben in verschiedene Richtungen, sind nicht mehr jeden Tag zusammen, sondern sehen sich nur noch selten.
Diese Trennung soll aber nicht von langem sein, zumindest nicht in Gedanken, den eines Tages erhält Lia die Nachricht, das Cassie tot in einem Motel aufgefunden wurde. Von diesem Zeitpunkt an ist für sie nichts mehr, wie es einmal war, denn Cassie hat sie in der Nacht ihres Todes 33-mal angerufen und nun quälen sie schreckliche Schuldgefühle. Woran ist sie gestorben? Hätte Lia sie retten können?

Meine Meinung:
Der erste Gedanken von mir – schon wieder ein Buch über Essstörungen, muss das sein? Ja es muss, weil dieses Buch anders ist, ehrlich und offen zum Thema steht, die Gedankenwelt der Betroffenen aufzeigt.
Nachdem Cassie Tod im Motel aufgefunden wird, beginnt die eigentliche Geschichte. Man erfährt viel über die Freundschaft und das es Cassie war, die auf die Idee mit dem erbrechen nach dem Essen kommt. Damals waren beide 11 Jahre alt und sahen es als eine Möglichkeit, alles zu essen was ungesund ist, ohne wirkliche Konsequenzen, doch beide geraten immer tiefer in den Sog der Essstörungen, da sich beide angetrieben fühlen, die dünnsten Mädchen der Schule zu sein. Cassie tendiert eher zur Bulimie, wogegen Lia der Magersucht verfällt, zumindest las ich diese Entwicklung heraus.
Cassies Gedanken bleiben weitgehend unberüht, da Tode bekanntlich nicht sprechen können, doch in Lias Welt taucht man vollkommen ab. Sind es die Gedanken zum Essen, Kalorienzählen, der Wut auf die Familie, weil sie ihren „Plan“ zerstören möchten, oder die Auslöser der Selbstverletzung, die immer wieder erwähnt wird.
Was mir daran so gut gefallen hat, ist die Authentizität des Geschriebenen. Da ist zum einen der Wunsch, immer dünner zu werden, auf der anderen Seite aber das Verlangen, endlich wieder mal Essen schmecken zu können. Die Gedanken sind zwiegespalten, manchmal schwer nachzuvollziehen, weil der gesunde Menschenverstand sagen würde: Iss doch einfach, dann wirst du auch wieder gesund, aber so leicht ist eine Essstörung leider nicht zu kurieren, was man beim lesen langsam begreift. Es ist ein Kampf mit sich selbst, mit dem Körper den man hasst.

Cassies Tod ist ein „stimmiger“ Einstieg und löst eine Welle von Fragen auf, die sich langsam, aber alle am Ende des Buches aufgelöst haben.
Besonders bemerkenswert finde ich es, dass es sich einmal nicht um eine Autobiografie handelt, sonders es wirklich ein fiktiver Roman ist, der sich allerdings sicherlich auch wirklich so zutragen könnte. Laurie Halse Anderson hat bei ihren Recherchearbeiten Informationen bei Psychologen eingeholt, die sich auf das Thema Essstörung spezialisiert haben und das liest man heraus. Die verzehrte Körperwahrnehmung der Betroffenen wird beschrieb und auch der Wunsch, nur dünn sein zu wollen, wir aufgehoben, denn hinter den Wunsch steckt meistens mehr, wie auch bei Lia, es ist das Gefühl niemanden zu haben, denn man vertrauen kann, keine Macht zu haben – so wird die beste Freundin als Vorbild genommen und die Macht über sich selbst ausgeübt.
Es ist nicht so, dass Cassies und Lias Essstörung niemanden auffällt, viel mehr haben beide schon stationäre Klinikaufenthalte hinter sich, die allerdings ohne Erfolg geblieben sind, Gründe dafür kann man im Buch nachlesen, die möchte ich nicht zu sehr verraten.
Einzig die Beschreibung über die Gedanken eines Selbstmords war in meinen Augen ziemlich dümmlich, weil sich eine Vene aufzuschneiden und zu hoffen, daran zu verbluten, ist eine schiere Unmöglichkeit (und ja, ich bin kleinlich).

Fazit:
Wintermädchen ist ein schonungsloser und ehrlicher Einblick in die Welt der Essstörungen, welcher so erschreckend ist, dass man noch lange über das Thema nachdenkt.

Leider befindet sich das Buch gerade im Nachdruck und ist momentan nur gebraucht erhältlich!


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