In den Augen der Anderen

Titel: In den Augen der Anderen
Originaltitel: House Rules
Autor: Jodi Picoult
Genre: Belletristik
Seiten: 688
ISBN: 978-3431038415

Erste Sätze:
Wo ich auch hinschaue, sehe ich Kampfspuren. Die Post liegt auf dem Küchenboden verstreut, die Hocker sind umgestoßen, das Telefon ist aus seiner Halterung gerissen worden, der Akku hängt an den Kabeln heraus. Auf der Schwelle zum Wohnzimmer findet sich ein einzelner schwacher Fußabdruck und deutet in Richtung der Leiche meines Sohnes Jacob.

Klappentext:
Dein Sohn ist des Mordes angeklagt.
Deine Angst ist, er könnte es wirklich getan haben.
Was würdest du tun?

Inhalt:
Auf den ersten Blick wirkt Jacob Hunt wie ein normaler Teenager, doch dieser Eindruck täuscht, denn der 18-jährige leidet am Asperger Syndrom, einer Form des Autismus. Nur wenn gewisse Regel eingehalten werden, kann vermieden werden, dass der Junge einen nervlichen Zusammenbruch erleidet. Besonders seine alleinerziehende Mutter Emma versucht, diese Spielregeln zu befolgen, eine davon betrifft das Essen. Jeder Tag hat eine andere Farbe, so gibt es montags nur grüne Speisen, dienstags rote, mittwochs gelbe, donnerstags braune usw., zudem erträgt Jacob es nicht, wenn Haare die Schultern berühren, oder zu grelles Licht. Sein Tagesablauf ist immer der Selbe, denn nur die kleinste Abweichung bringt in so durcheinander, dass er einen Anfall erleidet. Diese Situation ist für seinen 15-jährigen Bruder Theo alles andere als leicht, was ihn oft zu den Gedanken treibt – wäre das Leben nicht besser, ohne Jacob.
Jacob hat viele Betreuer, doch nur der Studentin Jess Ogilvy gelingt es, in seine Welt einzutreten. Eine Welt, geprägt von Logik und Kriminaltechnik, das größte Hobby des 18-jährigen. Sei es nun, dass er sich nur mit dem Thema auseinandersetzt, zu Hause von allem und jedem Fingerabdrücke nimmt, oder sogar eigene Tatorte für seine Mutter herstellt. Damit diese sich auf die Tätersuche machen kann.
Das Leben der Familie Hunt ändert sich jedoch schlagartig, als Jacobs Betreuerin Jess, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird und Jacob ins Visier der Ermittlungen gerät.
Hat er Jess in einen seiner Anfälle getötet? Was er geplant? Oder steckt vielleicht jemand anderes dahinter?

Meine Meinung:
Asperger Syndrom, Unterform von Autismus, was fällt einen dazu ein? Einerseits das Leben in einer eigenen Welt, ohne die Fähigkeit Empathie für andere Menschen zu empfinden, geregelte Tagesabläufe, die nicht gestört werden dürfen, der fehlende Blickkontakt, andererseits aber auch die hohe Intelligenz vieler Betroffener, so ist es auch bei Jacob. Ohne seine Regeln, lässt sich das Leben nicht meistern, seine Familie versucht alles zu vermeiden, was ihn verwirren, oder stören könnte. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass alles rational und ohne Gefühle erklärt werden muss, damit Jacob es auch versteht.
Für alle Angehörigen ist diese Situation nicht leicht, besonders der 15-jährige Theo leidet darunter, immer auf seinen Bruder Rücksicht nehmen zu müssen. Er wünscht sich eigentlich nur ein normales Leben, hofft dieses irgendwo zu finden, wenn auch nicht zu Hause.
Die Mutter der Beiden, Emma, scheint ihre Rolle anerkannt zu haben. Natürlich sehnt sie sich auch nach etwas Freiraum für sich hat aber akzeptiert, dass es mit Jacob niemals so etwas wie Normalität geben kann und wird, ihr Leben nach dem ihres Sohnes ausgerichtet ist.
Aus den Fugen gerät alles, als Jacob wegen Mordes verhaftet und ins Gefängnis kommt. Das Leben, wie sie es kannten, gibt es nicht mehr und so beginnt ein Spießrutenlauf für die Mutter, die an die Unschuld ihres Sohnes glaubt, allerdings auch leise Zweifel verspürt und natürlich für Theo, der nicht nur mehr der Bruder des Spasten ist, sondern jetzt auch der Bruder eines Mörders.

Das Buch ist in Kapitel untergliedert, die jeweils von Emma, Jacob, Theo, Rich (Polizeibeamter) oder Oliver (Verteidiger) erzählt werden. Besonders interessant ist es, in die Welt von Jacob abzutauchen. Was bringt in dazu, in bestimmten Situationen so zu reagieren, wie er es tut. Warum bringt es ihm aus dem Konzept, wenn jemand schulterlange Haare hat, wieso beruhigt es ihm, oftmals in Filmzitaten zu antworten und was unterscheidet ihm von einem „gesunden“ Menschen. All diese Fragen, werden den Leser ausführlich erklärt und sind grandios geschrieben. Beeindruckend fand ich aber auch mal die Sicht des Bruders Theo kennen zu lernen, dass ein Leben mit einem Autisten alles andere als leicht ist, kann sich vermutlich jeder vorstellen, doch was es dann tatsächlich bedeutet, ist schon schwerer zu verstehen.

Zuerst hatte ich meine bedenken, weil das Buch doch ca. 680 Seiten hat und es durchaus bei dieser Länge oft geschieht, dass die Geschichte einschläft, doch Jodi Picoult ist es wunderbar gelungen, sobald die Spannung etwas nachlässt, sogleich wieder eine neue aufzubauen. Auch bleibt es bis zu den letzten Seiten des Buches unklar, ob Jacob nun Opfer oder Täter ist, was nochmals ein Lob an die Autorin ist. Bis zum Schluss war es mir auch unklar, was nun tatsächlich geschehen ist und der Schluss selbst war eine Überraschung.

Der Schreibstil ist relativ leicht und verständlich, mit Ausnahme der Kapitel von Jacob, es ist einfach eine andere Welt, wie wir sie kennen, weshalb es oftmals schwer fällt, Verständnis für bestimmte Dinge aufzubringen, doch je mehr man liest, desto mehr begreift man, was in seinem Kopf vorgeht, auch wenn man vermutlich nie die ganzen Gedanken und Handlungen nachvollziehen werden kann.

Fazit:
Ein gelungenes Buch, was in eine Welt jenseits unserer führt. Eine Reise, die sich auf jeden Fall lohnt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s