Sie schreibt…

…manchmal Geschichten, weil sie darauf hofft, ihrer Seele Worte verleihen zu können, die der Mund niemals aussprechen würde.


Malkastenphilosophie

Der Tag weckte sie mit seinem strahlenden Gelb und begleitet vom kunterbunten Treiben, begann sie zu leben. Blauer Atem drang aus dem Mund und hüllte die Umgebung in eine nie erdachte Wärme ein, Wärme die man sich nie von eisblau erwarten würde. Farben sind eigen zu betrachten, kein rot hat die Aufgabe warm zu sein, denn sehr wohl ist Kälte rot, wie blau. Vor langer Zeit ist sie schon diesem Geheimnis auf die Schliche gekommen und es scheint als wüsste nur sie davon. Was wohl stimmen mag, bis auf ein, vielleicht zwei Ausnahmen, denn Menschen haben verlernt die Welt zu betrachten. Vergessen zu sehen, Farben zu fühlen. Schauen und schauen im Grunde ins Nichts, nichts ist mehr für sie vorhanden, nur Tristes und Monotonie bestimmt ihr Leben, doch erzählen sie von der totalen Erfüllung. Alles eine Lüge, alle gesprochenen Worte falsch, beschreiben Gefühle nicht, weil Gefühle unbeschreibbar sind.
Ersticken sollen sie an ihren Erfindungen, würde sie denken, wäre ein Interesse an ihrer Umgebung vorhanden, ist es aber nicht. Wieso reden, wenn sie fühlen kann, alle Worte als Leuchten in sich hat. Alles was sie in ihrer Welt brauchte waren Farben, doch es kam die Zeiten wo sie ihr ausgingen, die Farben.

Und das kam so:
Eines Morgens wachte sie auf, grau im Kopf und Seele. Sie rieb sich ihre Augen, glaubte an eine Täuschung. Spiel mir keine Streiche Leben, so etwas finde ich nicht lustig. Aber der Scherz hielt an, nur lachen konnte sie darüber nicht. Was war los, gestern war alles noch wie immer, und doch anders wie sonst. Tage gleichen sich sowieso nie, weil auch wenn die Menschen die selben sind, so ist das Wetter verschieden, die Natur, oder was auch sonst für eine Überraschung gut ist. Also gleicher Tag und doch anders, die Farben fehlen jedoch auch nach dieser Erkenntnis. Vorerst heißt es Ruhe bewahren, sicherlich hat sie ihren Malkasten nur verlegt, vielleicht im Schrank, unterm Bett, irgendwo. Leere. Nichts. Grau. Alles. Gestohlen. So muss es sein, der große schwarze Mann kam und stahl ihren Kasten, damit er bunt wird. Die Welt ist voller Diebe. Herzbetrüger. Seelenplünderer. Gefühlsräuber. Hoffnungsschwindler, warum nicht auch Farbendiebe.
Doch wo jetzt suchen, wenn man nichts mehr sieht. Die Welt ist ein Fleck und sie in ihm. Alles hässlich, was irgendwann mal schön war. Ihr wird erst jetzt bewusst, zum ersten Mal versteht sie, warum die Menschen so sind wie sie sind, wenn sich Blindheit über einen legt, kann man gar nicht anders.

So kann sie nicht leben, so will sie nicht leben. Suchen, das ist das oberste Ziel, nur wo? Wo sucht man Dinge, die es nicht gab. Die Fantasie waren, vielleicht sind, aber zu sehr das eigene Leben beherrschten. Wo sucht man Liebe, wenn man sie nicht kennt? Zumeist an den falschen Orten, bis man endweder gebrochen aufgibt, oder solange sucht bis man vermeintlich glaubt zu finden, was man wollte. Nicht das Richtige, weil es dies nicht gibt, aber etwas vergleichbares.
Mit der Zeit wird ohnehin alles zum falschen, weil sich ein Gewöhnungseffekt einstellt. Nichts was man hat, will man dann mehr.

Denken hilft ihr jetzt allerdings nichts, jetzt zählt gar nichts mehr. Sie kann den Malkasten nur in sich finden, sie alleine und damit stellt sich auch schon das erste Problem und wahrscheinlich auch das Größte ein. Sie kann ohne Farbe nichts sehen, wie dann erst finden, in sich gehen. Augen schließen. Durchatmen. Nur nicht denken, jetzt nicht. Der Raum erscheint zu eng, kein Platz für Körperleere. Weg von hier, nur weg, irgendwohin. Dorthin wo Leere ertragbar, vielleicht sogar angenehm ist. Sie glaube nicht daran, aber jetzt ist sie ein grauer Mensch, der es mit Lügen versucht, um glücklich zu sein.

Müde vom suchen und desillusioniert vom nicht finden, stirbt die Hoffnung zuletzt und mit ihr, ihre Kraft. Hinsetzen und ertragen, dass die Welt nur noch leer und grau sein wird, nichts mehr ist wie es war. Sie hört wie die Welt flüstert: Tut mir Leid.
Danke liebe Welt, doch davon kann ich mir auch nichts kaufen. Deine Entschuldigung ist eine Enttäuschung, genauso wie du selbst.

Das Gesicht hinter den Händen verstecken, leise weinen und einfach warten. Warten auf was auch immer. Knarren neben ihr, will nicht hören und nichts sehen. Ignorieren geht auch, würde nicht eine Stimme zu ihr dringen: „Was ist los, Mädchen?“

Nichts, war das einzige Wort, was sie sagen konnte. Nichts ist los, nichts was von Wert wäre.

„Nun, für jemanden dem nichts fehlt, weinst du aber sehr viel.“
„Für jemanden, den das nichts angeht, fragen sie viel“, dachte das Mädchen, und suchte den Mund, der zu ihr sprach. Zu ihrer Überraschung sah sie etwas schönes, etwas besonders. Sie blickte in warme, strahlende Augen. Es waren diese Menschen, oder besser gesagt diese Menschen mit ihren Augen, die in ihrem Herz einen Tanz auslösten. Auch jetzt im Dunkeln war es nicht anders, das Glitzern drang zu ihr hindurch und erhellte kurz die Seelenfinsternis.

„Wissen Sie, ich habe meine Lebensfarben verloren“, sprudelte es aus ihr heraus und sie wusste wie dumm es für ihn klingen musste, so etwas zu hören. Lebensfarben, welch ein Blödsinn, er war niemand der das verstehen konnte, er war ein Mensch.

„Mhh…. Ja, Lebensfarben sind wichtig“, waren seine einzigen Worte bevor die Unterhaltung in ein Schweigen überging. Es war nicht eines dieser Schweigen, welches unangenehm ist, mehr war es wärmend. Sie starrte auf ihre Schuhspitzen, dreckig vom suchen waren sie, sollten braun sein von der Erde, waren aber grau. Es war alles wie immer, auch in der Anwesenheit des alten Mannes veränderte sich die Welt nicht.
Was sie traurig stimmte, denn kurz hatte sie die Hoffnung gehegt, er könnte ihr wieder die Farben geben, zumindest ein paar, aber er konnte es wohl nicht. Niemand würde es können.

„Hast du schon mal rote Erdbeeren gegessen“, klang es von der Seite an sie heran.
„Selbstverständlich.“, mehr Worte musste sie für diese lächerliche Frage nicht verschwenden.
Erstaunt schaute der Mann sie an: “ Du hast wirklich schon mal rote Erdbeeren gegessen?“
„Natürlich, was ist daran so außergewöhnlich?“
„Ich weiß es nicht, sag du es mir.“
„Gerade verstehe ich nicht, was sie meinen. Was soll ich erklären, wenn es für mich nichts zu erklären gibt.“
„Naja, wie ist es „rot“ zu essen?“

Sie verfielen wieder in Schweigen. Was meinte er damit, wie es ist rot zu essen. Früher war es wie blau zu spüren, grün zu riechen, aber jetzt war es nichts.
Wie schmecken Erdbeeren: rot, jetzt tot. Ohne Leben.

Zögernd begann sie trotzdem: „Rot zu essen, ist wie, wenn sonnengelb den Boden erleuchtet und Schritte zu Schatten macht.“
Lächelnd sah er sie an: „Genau dasselbe fühlte ich auch immer, wenn ich rot aß, wir scheinen einiges gemeinsam zu haben.“
„Wir hatten einiges gemeinsam“, flüsterte sie kam hörbar, doch er schien alles zu hören, auch wenn sie den Satz nur tonlos mit dem Mund formte.
„Wir haben auch den Verlust gemeinsam, auch mir sind die Farben ausgegangen. Kann sein, dass ich nur ein dummer, alter Träumer bin, doch glaube ich daran, wenn man die Farben in Gedanken teilt, dass man sie dann auch wiederfinden kann.“
„Du bist wirklich ein dummer Träumer“, dachte das Mädchen. Farben denken und dadurch finden, eine Illusion der Sonderklasse, welche Idiotie. Wo suchen, wenn das finden doch nicht mehr lohnt, weil man nun die Realität kennt. Die Welt ist grau und bunt eine einzige Lüge, so einfach ist es. Das große Weltgeheimnis ist gelüftet, warum jetzt noch anstrengen?

Sie hat gelernt nicht immer die Wahrheit zu sagen, weil die Menschen meist nicht daran interessiert sind, ihre Seifenblasen platzen zu sehen und irgendwie tat ihr der Mann auch Leid, er hoffte ja wirklich noch.

„Jetzt muss ich leider nach Hause gehen, aber morgen können wir wieder die Gedanken teilen und Farbe suchen, falls Sie Lust haben“, sagt das Mädchen im Aufstehen und wusste, dass dies ein Abschied für immer war, sie wollte nur weg, in ihrer Trauer alleine sein. Wie man halt in der Welt ist: alleine.
Sie würde nicht mehr wiederkommen, sie würde sich nicht in einem naiven Glauben stürzen, Wunschbilder malen. Sie würde jetzt Erwachsen werden, auch wenn sie nicht wusste, wie man Erwachsen wird, aber niemand weiß es, alle werden es nur. Irgendwann, wenn die Farben verschwinden und die Welt in Stille fällt, dann wird man erwachsen.

„Du kommst nicht wieder, oder?“, sagte der Mann, mit einem Lächeln auf den Lippen. „Nein“, sagte das Mädchen. Sie musste nicht mehr sagen, der Alte wusste es von Anfang an, niemand der jemals den Weg in die Dunkelheit beschritten hatte, kam je wieder. Sie alle verschwanden in der Erwachsenenwelt, sie alle zu verlieren tat weh, aber so war es nun mal. Erwachsen werden bedeutet Abschied nehmen – von der Kindheit. Niemand konnte jemals alle Farben mitnehmen, sie bleiben zurück, verstecken sich in den Herzen der Menschen, aber diese verschließen sie, wenn sie groß werden, weshalb die Schwärze ihr Leben einnimmt, für immer.

Die Kindheit wurde traurig, träge und leer. Wieder hatte sie eine Seele verloren. Konnte noch nie jemanden retten. Alle wollen sie erwachsen werden, niemand blieb. Gingen freiwillig in ihr Unglück und wussten es sogar.
So starb die alte Kindheit alleine, täglich aufs Neue.

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