Ich hätte es vorgezogen zu leben


Titel: Ich hätte es vorgezogen zu leben
Originaltitel: J’aurais préféré vivre
Autor: Thierry Cohen
Genre: Belletristik
Seiten: 224
ISBN: 978-3442752058

Erste Sätze:
Die Tabletten, der Whisky, das Gras. Hinlegen. Ich weiß, was ich tue. Nur an das Wie denken. Nur an den Vorgang denken. Nur an mich denken, hier, im Wohnzimmer, an die Flasche, an die Tabletten. Nur an mich.

Klappentext:
Und irgendwann wachst du auf und freust dich,
weil du mit der Frau zusammen bist, wegen der du dich umgebracht hast…

Und irgendwann wachst du auf und wunderst dich,
weil jemand Anderer dein Leben auf eine Weise führt, die dir nicht gefällt…

Und irgendwann wachst du auf und merkst,
wer dieser Andere ist: dein größter Feind – du selbst!

Du hast immer nur einen Tag für dein ganzes Leben und deine Liebe – nutze ihn gut!

Meine Meinung:
Die Geschichte beginnt mit dem Selbstmord des 20-jährigen Jeremy, man folgt seinen Gedanken und begleitet ihn bei der Tat, auch erfährt der Leser, warum er es tut. Victoria, seine große Liebe, hat einen Freund und ihn bekundet, dass zwischen ihnen nie mehr als Freundschaft sein könnte. Aus Liebeskummer entschließt er sich zu der Handlung, da er sich ein Leben ohne seine große Liebe nicht vorstellen kann.

An seinem 21. Geburtstag wacht er auf, ist mit Victoria zusammen und hat keinerlei Erinnerungen an das vergangene Jahr. Da er kurz vor seinen 21. Geburtstag einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, glaubt er an eine Amnesie, lauscht Victorias Erzählung, warum und wieso sie jetzt doch zusammen sind und ist einfach nur glücklich. Am Ende des Tages geht er schlafen, doch als er am nächsten Morgen aufwacht, ist es nicht der nächste Morgen, nein es ist sein 23. Geburtstag. Langsam an seinen Verstand zweifelnd erfährt er, dass er sich sehr geändert hat, dass er in den Jahren, an die er sich nicht erinnern kann, scheinbar ein ekelhafter und grausamer Mensch ist. An seinem Geburtstag versucht er die Fehler des „anderen“ Jeremy auszugleichen, doch scheint es nahezu unmöglich, hat er doch nur einen Tag. Die Abstände zwischen, sich erinnern und nicht erinnern werden immer länger, Jeremy erkennt, dass er einen beinahe aussichtslosen Kampf gegen sich selbst führt.

Vor ein paar Jahren habe ich das Buch schon einmal angefangen zu lesen, es allerdings schnell abgebrochen, zu absurd und kitschig schien mir die Geschichte. Jetzt habe ich einen erneuten Versuch gewagt und bin wirklich froh darüber. Natürlich ist die Geschichte absurd, schwer vorstellbar, aber sobald man sich auf das Buch einlässt, nimmt es einen gefangen.
Man fühlt mit Jeremy mit, wenn er jeweils immer nur zu seinem Geburtstag zu sich kommt und betrachten muss, welche Verletzungen sein anderes Ich, seiner Umwelt zugefügt hat. Sein Unverständnis geht auf dem Leser über, aber auch der Wille von seiner Seite, die Menschen zu schützen, die er am meisten liebt, lassen einen nicht kalt.

Gebannt liest man das Buch und wartet sehnsüchtig auf das Ende, damit man endlich erfährt, was nun Realität und was Fiktion ist, aber womöglich lassen sich diese beiden Dinge gar nicht trennen, gehören zusammen.

Was mich ein wenig gestört hat, weil ich selbst keinen Zugang zu diesem Thema habe, war der starke religiöse Einfluss im letzten Viertel des Buches. Mir wäre ein rational erklärbarer Schluss lieber gewesen, weil es für mich plausibler und glaubwürdiger gewesen wäre, aber gut, Glauben und Religion seien letztlich jeden selbst überlassen.

Fazit:
„Ich hätte es vorgezogen zu leben“ ist ein großartiges Buch, denn wenn man es ehrlich zugibt, ist man selbst sehr oft sein größter Feind.

Kommentar verfassen