Vielen Dank für das Leben


Titel: Vielen Dank für das Leben
Autor: Sibylle Berg
Genre: Belletristik
Seiten: 400 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag
ISBN-10: 3446239707
ISBN-13: 978-3446239708

Erste Sätze:
Keiner wird sich wohl noch an den kalten Sommer neunzehnhundertsechsundsechzig erinnern. Normalerweise lag in dieser Jahreszeit ein Duft von blühenden Akazien über dem sozialistischen Teil des nordeuropäischen Landes.
Neunzehnhundertsechsundsechzig roh nach nichts.

Klappentext:
Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht, zu dick, zu groß, aber ein Mensch, der durch diese schlechteste aller Welten geht, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Brutal, provozierend und doch mit einer unendlichen Zärtlichkeit erzählt Sibylle Berg noch einmal die große Geschichte eines Menschen, der durch die Reinheit seines Wesens der Welt zeigt, wie weit es mit ihr gekommen ist. Ein wütender, schriller Roman über das einzige Leben, was zählt.

„Toto war glücklich. Sie konnte nicht wissen, wie es gewesen wäre, hätte sie von einem geliebt werden können, aber es war müßig, darum zu trauern. Sie konnte auch nicht wissen, wie es gewesen wäre, in einer anderen Zeit gelebt zu haben, als ein anderer Mensch, oder ein Tier. Man kann alle Möglichkeiten betrauern, die man nie gehabt hat, oder sich daran freuen, dass man kurz aufgetaucht ist aus der Großen Dunkelheit der Unendlichkeit, die sonst immer herrscht, vor der Geburt und nach dem Tod, ein kurzer Moment Licht, das ist doch viel…“

Inhalt:
Sommer 1966, Deutschland: Toto wird in der DDR geboren, sein Geschlecht lässt sich nicht bestimmen, er ist ein Hermaphrodit. Die Mutter, meist desinteressiert an dem Kind, lässt es sein was es ist, ein zwischengeschlechtliches Wesen. Schon bald schiebt sie Toto in ein Waisenheim ab, was wie eine glückliche Fügung klingen mag, kennt man die Erzeugerin, doch der Schein treibt. Seine Andersartigkeit eckt überall an, bis eine Erzieherin Toto sogar an einen Bauern verkauft, nur um ihn loszuwerden. Sein Leben am Hof ist nicht anders wie davor, zumeist von emotionalen Missbrauch geprägt, doch entdeckt er dort auch seine Liebe zur Musik. Er singt, zu jeder Gelegenheit. Nach seiner Flucht kommt er bei grünen West-Linken unter, die einen Hang zum Terrorismus frönen. Auch diese Gruppe lässt er hinter sich, was aber nicht bedeutet, dass irgendwann irgendwas besser wird. Sein Leben bleibt grau und schmerzhaft. Was Toto aber nicht deutlich wahrnimmt, er bleibt in jeder Situation freundlich und gelassen, egal was geschieht und durch dieses Verhalten wird er oft eine Zielscheibe für Anfeindungen.
Eine weitere Rolle in dem Roman spielt Kasimir, ein Junge, dem Toto im Waisenhaus begegnet ist, wodurch er im Buch auffällt, lasse ich ungesagt, weil es nahezu die ganze Geschichte ausmacht, die Rahmenbedingungen für alles schaff.
Sagen wir so, Kasimir ist wie die meisten Menschen gegenüber Toto, nicht gerade sonderlich freundlich gestimmt.

Meine Meinung:
Eine Rezension zu dem Buch zu schreiben, fällt mir nicht sonderlich leicht, ist Sibylle Berg doch meine Lieblingsautorin, weswegen ich sie unbedingt positiv loben möchte. Leider wird es mir bei „Vielen Dank für das Leben“ nicht gelingen, zumindest nicht 100%.

Interessant klingt die Geschichte um Toto schon, geboren als zwischengeschlechtliches Wesen, ohne Platz in der Welt, weil ihm dieser immer von der Welt verwehrt wird, findet er sich Anfeindungen gegenüber, die ein Menschen nicht verdient hat. Besonders nicht Toto, der durch sein freundliches Wesen wahnsinnig einnehmend ist, doch genau diese Art stört die Menschen, sie sehen es als Schwäche und lassen ihren Frust an diesem Menschen, der nichts Böses ahnt, aus. Man stellt sich die Frage, warum lässt Toto sich so behandeln, warum fährt er nicht auch andere Geschütze auf? Warum auch nicht? Wichtig scheint für ihn nur zu sein, die Liebe zu den Menschen, das Gute im Vordergrund zu behalten. Seine Methode mag seltsam erscheinen, doch versteckt sich darin ein Charakter von Stärke, wobei auch an manchen Stellen er, der sich übrigens im Buch später entscheidet, eine sie zu sein, ein wenig ins Zweifeln über sein Leben kommt.

Mein großer Kritikpunkt am Buch ist der erste Teil, da ihm, anders wie sonst von Sibylle Berg bekannt, diese tiefe Verzweiflung, die melancholische Art, der poetische Schreibstil fehlt. Es kriecht vor sich hin, die Geschichte, aber einnehmend ist was anderes. Es kann sein, dass bei mir der Knackpunkt die DDR und ihr politisches Gewand mich zu dem Desinteresse verleitet haben. Österreicherin und Anfang 20, es ist nicht meine Welt und Geschichte nicht etwas, womit sich mein Kopf oft beschäftigt.
Wie gesagt, der erste Teil dreht sich viel um die Zustände in der DDR, spielt er doch in dieser Zeit, im zweiten Abschnitt fiel es mir viel leichter, mich auf die Geschichte einzulassen, da man innerhalb des Buches bis ins Jahr 2030 wandert, die DDR hinter sich lässt.
Auch der Schreibstil wandelt sich und wird so eindringlich, wie ich es mir erhofft hatte.

Das Buch ist gelesen, steht schön im Regal, aber Toto, Toto ist immer noch in meinem Kopf, er lässt sich nicht so schnell abschütteln, sondern wächst einem, wenn auch eher gegen Ende hin, sehr ans Herz.

Fazit:
Der erste Teil des Buches ist schwierig, unauffällig und ziemlich langatmig, der zweite Teil wandelt das Blatt aber vollkommen. Man verliert sich in der Geschichte, in seiner Hauptperson und in der Szenerie selbst. Ein bisschen Durchhaltevermögen ist notwendig, dafür wird man letztlich aber auch belohnt.

Ein Danke nochmals an Dani von buchbegegnungen.de, für die Überraschung, die sie mir mit diesem Buch bereitet hat!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s