Vollendet

Titel: Vollendet
Originaltitel: Unwind
Autor: Neal Shusterman
Genre: Jugendbuch ab 14 Jahren
Seiten: 432 Seiten
Verlag: Sauerländer
ISBN-10: 3411809922
ISBN-13: 978-3411809929

Erste Sätze:
Der Zweite Bürgerkrieg, auch bekannt als „Heartland-Krieg“, war ein langer, blutiger Konflikt um eine einzige Streitfrage.
Um den Krieg zu beenden, wurden mehrere Zusätze zur Verfassung verabschiedet: die „Charta des Lebens“.

Klappentext:
Deine Umwandlung ist garantiert schmerzfrei. Jeder Teil deines Körpers lebt weiter. Sagen Sie.
Aber wenn jeder Teil von dir am Leben ist, nur eben in jemand anderem…
Lebst du dann, oder bist du tot?

Inhalt:
Abreibungsbefürworter und Gegner haben nach dem Heartland-Krieg gemeinsam das Gesetz der Charta des Lebens beschlossen. Diese legen fest, dass Eltern, die mit ihren Kindern nicht zurechtkommen, unzufrieden sind usw., diese zwischen 13 und 18 Jahren rückwirkend abtreiben können. Natürlich wird es nicht Abtreibung genannt, sondern die Kinder werden umgewandelt. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Umwandeln bedeutet, dass alle Körperteile der Kinder zur Organspende freigegeben werden. Die Beschließer des Gesetzes rechtfertigen sich damit, dass es direkt ja kein Mord ist, sondern dass die Kinder weiterleben – nur eben nicht am Stück, sondern in Einzelteilen.

Kinder, denen so was widerfährt, nennt man Wandler. In Vollendet trifft man auf drei, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Connors Eltern beschließen den Jungen für die Umwandlung freizugeben, weil er eben nicht das pflegeleichte Kind ist, was sie sich gewünscht hätten. Er ist ein Rebell, aber nicht so, dass er sich großen Straftaten hingeben würde.

Risa ist ein Waisenkind, was sie indirekt zum Freiwild macht. Der Staat kann und will nicht mehr die Verantwortung für die vielen Kinder übernehmen, die in seine Obhut gegeben werden, so dass er selektiert, welche wertvoll sind und welche umgewandelt werden können. Risa spielt Klavier, an ihrem letzten Auftritt spielt sie nicht fehlerfrei, ist somit nicht perfekt und fällt durch das Raster des Staates, wird zur Umwandlung freigegeben.

Und dann gibt es noch Lev. Der Junge weiß seit seiner Geburt, dass ihn die Umwandlung bevorsteht – er freut sich sogar darauf. Er ist ein so genanntes Zehntopfer. Seine streng gläubigen Eltern sehen vor, immer den zehnten Teil ihrer Habe zu Spenden und Lev ist ihr zehntes Kind.

Die drei Jugendlichen könnten nicht unterschiedlicher sein, einzig die bevorstehende Umwandlung verbindet sie, doch das Schicksal spielt sein eigenes Spiel und ihre Leben verknüpfen sich mehr, als sie es je gedacht hätten.

Meine Meinung:
Das Hauptthema des Buches ist die Umwandlung, wie es zu dem Gesetz kam und mit welches Ausreden die Verantwortlich es sich schön reden. Man wird zu Beginn gleich in das Geschehen geworfen und erfährt durch die einzelnen Jugendlichen, wie es sich anfühlt, von ihren Eltern/Staat einfach so abgestoßen zu werden.
Für Risa und Connor steht schnell fest, dass sie sich nicht so schnell ergeben möchten. Sie planen die Flucht – können sie sich bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr vor der Jugendpolizei versteckt halten, dürfen sie nicht mehr umgewandelt werden, weil dies eben nur in den Alter zwischen 13-18 Jahren erlaubt ist. Allerdings lässt die Polizei niemanden so einfach entkommen, wodurch sich das Buch zu einer Verfolgsjagd entwickelt, die von Seite zu Seite zunimmt.

Und wie passt Lev in das Ganze, immerhin freut sich der Junge ja auf seine Umwandlung, hat gar nicht im Sinn zu flüchten. Er vielleicht nicht, aber Connor sieht es für ihn vor, weil er einfach nicht akzeptieren kann, wie sich jemand so etwas freiwillig unterziehen möchte. Auf Connors Flucht trifft er auf Lev und die Geschichte geht ihren eigenen Weg, da sie nicht nur zu zweit bleiben, sondern auch auf Risa treffen. Connor und Risa schließen sich schnell zusammen, sind bereit, alles zu unternehmen, damit sie nicht von der Polizei aufgegriffen wird, mit Lev sieht es da anders aus. Er wird eher widerwillig Mitglied der Fluchtgruppe, was zu den ein oder anderen Schwierigkeiten führt.

„Wir sind keine Täter“, sagt Connor. „Wir sind abgehauen.“ „Wir sind Schwerverbrecher“, entgegnet Lev. „Was du tust, ich meine natürlich, was wir tun, ist nach dem Bundesgesetz ein Verbrechen.“
„Was, Kleider stehlen?“
„Nein, uns selbst. Mit der Unterschrift unter den Umwandlungsverfügungen sind wir Eigentum des Staats geworden. Dass wir abgehauen sind, macht uns nach dem Bundesgesetz zu Verbrechern.“ (Seite 80)

Man hat mit „Vollendet“ zwar eine Dystopie vor sich, doch unterschiedet sie sich von der Vielzahl der auf den Markt erhältlichen dadurch, dass sie nicht in ferner Zukunft spielt, dass die Gesellschaft nicht irgendwie durch ihre Besonderheit besticht, sondern ist, wie es die heutige auch sein könnte, der einzige Unterschied besteht darin, dass es das Gesetz der Charta des Lebens gibt. Dadurch, dass es in der heutigen Zeit spielen könnte, macht das Buch noch so eindringlicher. Man empfindet tiefste Betroffenheit, wenn man über die Kinder liest, die umgewandelt werden sollen, doch im Verlaufe der Geschichte ändern sich die Gefühle. Es bleibt zwar Betroffenheiten da, aber es wird vermischt mit Hass, Neugier, Aufgeregtheit, Mitleid, Hoffnung und Angst. All das mischt sich zu einem Brei, der als Kloß letztlich in der Brust sitzen bleibt, er bringt einen aber auch dazu, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann, weil die Flucht der Jugendlich eine solche Dynamik versprüht, dass man in einen Sog gezogen wird, aus dem es kein entkommen gibt und man will ja auch gar nicht entkommen, sondern am Buch gefesselt bleiben.

Die Kapitel sind jeweils aus den unterschiedlichen Perspektiven der Jugendlichen beschrieben, dazwischen gibt es auch ein paar Nebendarsteller, die ab und an zu Wort kommen. Der Wechsel zwischen den Personen wird deutlich und klar durch die Überschriften gezeigt, so dass niemals Verwechslungsgefahr besteht.

Fazit:
Spannend bis zum Schluss, schnürt einen diese ernste, hoffentlich niemals real werdende, Thema die Luft ab. Man fiebert mit den Charakteren mit, hofft, bangt und verzweifelt oft an ihrer Seite – ihre Gefühle springen direkt auf den Leser über. So muss ein Buch sein – absolut empfehlswert!

Kommentar verfassen