Bevor ich falle


Titel: Bevor ich falle
Autor: Lilly Lindner
Genre: Belletristik
Seiten: 304 Seiten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN-10: 3426226227
ISBN-13: 978-3426226223

Erste Sätze:
Ich war neun Jahre alt, als meine Mutter beschlossen hat, dass sie das Leben nicht mehr mag. Sie hat mich hochgehoben und ganz fest in ihre Arme geschlossen, dann hat sie mir einen Gutenachtkuss gegeben und mich in mein Bett gelegt. Meine gelbe Giraffe lag neben mir und die bunte Kuscheldecke auch.

Klappentext:
„Ich war neun Jahre alt, als meine Mutter beschlossen hat, dass sie das Leben nicht mehr mag. Sie hat mich hochgehoben und ganz fest in ihre Arme geschlossen, dann hat sie mir einen Gutenachtkuss gegeben und mich in mein Bett gelegt. Meine gelbe Giraffe lag neben mir und die bunte Kuscheldecke auch. Ich weiß das noch so genau, als wäre es heute gewesen. Dabei sind Jahre vergangen, seit diesem letzten Tag in meinem Leben.“

Inhalt:
Cherry ist neun Jahre alt, als sich ihre Mutter das Leben nimmt. Traumatisiert von diesen Abend, an dem ihre Mutter ihr noch einen Gutenachtkuss geben wollte, das Mädchen sich aber trotzig dagegen wehrte, gibt sie sich teilweise die Schuld an dieser Tat. Hätte sie bloß den Kuss erwidert, dann wäre niemals geschehen, was passiert ist. Der Vater, ein wahrer Egomane, macht die Situation nicht wirklich besser, verachtet Cherry und bestätigt sie in ihren Schuldgefühle. Das Verhältnis der Beiden ist zerworfen, Jahre vergehen und der Abgrund zwischen ihnen wird immer tiefer. Aus einem Streit heraus, entschließt sich die nun 14-jährige Cherry dazu, von zu Hause abzuhauen, einfach nur weg von ihrem Vater, ihrer Vergangenheit und den quälenden Erinnerungen. Weit kommt sie jedoch nicht, sie wird von ihrem ehemaligen Schwimmlehrer aufgegriffen, der sie bei sich aufnimmt und sich um sie kümmert. Somit könnte alles sich zum Guten wenden, doch die Vergangenheit lastet bleischwer auf der Gegenwart und macht es schwierig für Cherry, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Meine Meinung:
Welche Geschichte das Buch erzählt, war mir zu Beginn nicht ganz klar, weil auch der Klappentext nichts anderes erzählt, als die Situation vor dem Tod der Mutter, trotzdem hatten die Worte etwas an sich, dass mich magisch anzog.

Das Buch behandelt im Wesentlichen das Leben von Cherry, man lernt sie als neunjähriges Mädchen kennen und begleitet sie dann bis zum Alter von Mitte zwanzig. Traumatisiert von der schrecklichen Kindheitserinnerung und einem Vater, der von sich selbst sagt, mit Kinder nicht viel anfangen zu könne, klammert sie sich an Worte, an die vielen Worte, die in ihr stecken und einfach nur raus wollen. Ihr Vater, ein Verlagsbesitzer, hasst Menschen die mit Worten spielen, verabscheut Schriftsteller, Lektoren und Buchhändler, untersagt es dem Mädchen, Worte zu Papier zu bringen, oder gar zu lesen. Sie soll sich fern von Büchern halten, immerhin stammen sie von verachtenswerten Subjekten. So bleiben die Worte in ihr, bis sie an die Oberfläche drängen, einen angemessenen Platz suchen und ihn auch finden. Sie schafft es, ihre Worte in Liedertexte zu verwandeln, wird dadurch auch sehr erfolgreich, nur glücklich, diesen Zustand erreicht sie dadurch nicht.

Cherry beginnt sich selbst zu verletzen, weil sie tief und fest an ihre Schuld, am Tod ihrer Mutter glaubt. Das ganze Buch über ist deutlich spürbar, wie schwer diese Last wiegt. Ihr Vater ist ein wahres Ekel, man möchte ihn schütteln, möchte, dass er sich um das verletzliche Mädchen kümmert, ist es doch seine Tochter, doch außer Spott hat er nichts für sie übrig. Nachdem sie von zu Hause wegläuft, entsteht zwar eine Distanz zwischen den beiden, aber trotzdem bleiben seine Worte, seine Vorwürfe und sein Verhalten in Cherrys Kopf und beeinflussen ihr Handeln.

Im Frühling. Im Sommer. Überall verläuft sich die Zeit.
Im Herbst. Im Winter. Überall erfriert dein Lächeln.
Und du, Mädchen der Nachtgewänder.
Kannst du nicht einfach verstehen?
Was du längst weißt. (Seite 117)

Worte sind für Cherry alles, durch sie scheint sie atmen zu können, sie sprudeln nur so aus ihr heraus, aber die wahre Wortkünstlerin ist eigentlich Lilly Lindner, weil sie ein einzigartiges Gefühl für Buchstaben besitzt, sie in Reihenfolgen malt, die den Kopf beschäftigen und das Herz berühren.
Ein persönlicher Tipp von meiner Seite: Man sollte das Buch langsam angehen und nicht in einem Stück lesen, es könnte die Gedanken überfordern, weil die einzelnen Abschnitte danach verlangen, dass über sie nachgedacht wird und durch kurze Pausen wird die Geschichte auch gleich viel intensiver.

Von der psychologischen Ebene, wie sich ein Traumata auf ein Leben auswirkt, ist das Buch wirklich überzeugend und authentisch beschrieben, einzig Cherry ist mir manchmal ein wenig zu arrogant geraten, was ihr Worttalent betrifft.

Einen großen, nahezu riesigen Kritikpunkt gibt es allerdings auch noch: das Ende. Man mag an Zufälle glauben, keine Frage, aber es war schon ein Zufall wie Cherry zur Liedertexterin wurde, der Schluss war mir dann einfach zu viel des Guten. Es ist unbefriedigend, wenn ein weltklasse Buch, gegen Ende hin so abstürzt, obwohl es den vorderen Teil niemals die Sprachgewalt nimmt, bleibt doch ein schaler Geschmack übrig.

Fazit:
Ein Buch, über die seelischen Abgründe eines wortbegabten Mädchens, was nur eines will – ankommen im Leben. Ihre verzweifelte Suche ist so eindringlich, dass einem der Atem stockt und sich das Herz verkrampft. Schade nur, dass diese sprachgewaltige Geschichte so schwach endet.

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