Drüberleben


Titel: Drüberleben
Autor: Kathrin Weßling
Genre: Belletristik
Seiten: 320 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-10: 3442312841
ISBN-13: 978-3442312849

Erste Sätze:
Ich bin ein menschlicher Verkehrsunfall. Irgendwann bin ich einfach stehengeblieben, und dann sind Erlebnisse wie LKWs in mich hineingefahren. Man kann sich vorstellen, dass das zu großen Problemen führt.

Klappentext:
Ida steht zum wiederholten Mal in ihrem Leben vor der Tür einer psychiatrischen Klinik, mit einem Zettel, auf dem ihr Name und der Grund für ihren Aufenthalt genannt sind: F 322. Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. „Drüberleben“ erzählt von den Tagen nach diesem Tag, von den Nächten, in denen die Monster im Kopf und unter dem Bett wüten, den Momenten, in denen jeder Gedanke ein neuer Einschlag im Krisengebiet ist. Es erzählt von Gruppen, die merkwürdige Namen tragen, von Kaffee in ungesund großen Mengen, von Rückschlägen und kleinen Fortschritten, von Mitpatienten und von Therapeuten. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich zehn Wochen in eine Klinik begibt und dort lernt zu kämpfen. Gegen die Angst und gegen die Tiefdruckgebiete im Kopf.

Inhalt:
Die 24-jährige Ida hat vor sechs Jahren die Diagnose F32.2. – schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome erhalten. Etliche Klinikaufenthalte hat sie schon hinter sich, Medikamente und Therapien versucht, nur das Monster, das Monster ist trotz allem geblieben und verlangt nach Aufmerksamkeit – 24 Stunden am Tag.
Ihre Umwelt reagiert mit Ablehnung, denkt sie doch, dass auch irgendwann genug sein sollte, dass man irgendwann auch wieder glücklich sein sollte, einfach so, weil der Menschen doch nicht zum traurig sein geschaffen ist. Ida selbst ist in einer Spirale aus Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Resignation gefangen, einen Ausweg scheint es nicht zu geben. Der Entschluss fällt, es nochmals mit einem Klinikaufenthalt zu versuchen, nochmals die seelischen Tiefs analysieren zu lassen. Und während sie drüberlebt, irgendwie die Tage überlebt, wartet das Leben auf sie, um sie abzuholen.

Meine Meinung:
Katrin Weßling schreibt seit gut zwei Jahren auf ihrem Webblog „drüberleben“ über ihr Leben mit Depressionen. Nun hat sie sich an ein Buch gewagt und wer den Blog kennt, weiß, dass da ein Schreibstil auf einen wartet, der umhaut. Es ist die Gabe, Dinge in ein Wortkleid zu hüllen, dass sie wunderschön klingen und doch etwas Schreckliches beschreiben lässt. Schreiben kann Katrin Weßling definitiv und zwischen Gänsehautfaktor, berühren ihre Worte tief im Inneren und lassen die Gefühle in alle Extreme ausschlagen.

Das Buch ist keine Autobiographie, sondern erzählt die Geschichte von Ida und nicht die von Katrin Weßling. Es kann und wird auch vermutlich so sein, dass es trotzdem ganz viele Parallel zwischen den beiden gibt, zumindest das Erleben einer Depression, wie sich Symptome anfühlen, wird ein wenig aus der Erfahrung der Autorin geschrieben sein und genau aus diesem Punkt heraus, überzeugt das Buch auch auf ganzer Linie. Auf Grund dessen, dass Kathrin Weßling selbst an Depressionen erkrankt ist, bekommt die Geschichte eine Authentizität, die man nicht oft erlebt. Betroffene finden sich in ihren Worten wieder, bekommen das Gefühl vermittelt, nicht alleine mit diesen ganzen sonderbaren Angewohnheiten zu sein, die man durchlebt und für Angehörige bildet das Buch eine gute Grundlage, um einen Blick in die Gedankenwelt eines Depressiven zu erhaschen, daraus eventuell auch etwas zu ziehen, wie man für sie da sein könnte.
Allerdings, im Prinzip kann und sollte das Buch jeder lesen. Die Geschichte ist gut konstruiert, spielt ein bisschen Verstecken mit dem Leser und ist nicht gleich durchschaubar. Vor allem lebt das Buch aber von seiner, wie oben geschrieben, großen Gefühlspalette, die sich einfach auf den Leser überträgt und ihn gefangen nimmt.

Soweit die positiven Dinge, allerdings gibt es auch ein paar Dinge, die mich persönlich nicht überzeugen konnten.
Ida, so sehr ich ihre Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann, ist nicht sonderlich sympathisch. Sie wirkt sehr schroff, abwehrend und kühl. Man könnte natürlich sagen, harte Schale, weicher Kern, aber falls es tatsächlich so ist, dann hat mir die Weichheit im Buch einfach gänzlich gefehlt. Ida ist in meinen Augen ein bisschen einseitig geraten.
Und das Ende ist auch so eine Sache. Ich mag Dinge lieber, wenn sie Hand und Fuß haben, wenn sie nicht vollkommen verwischt, oder nur kurz angerissen sind. Das Finale, der „Höhepunkt“ der Geschichte ist großartig – atemberaubend, aber danach kommt nur noch eine Seite und dann ist das Buch aus, viel zu wenig, um tatsächlich einen Abschluss zu finden. Ich erwarte mir nicht, dass ein Buch über Depressionen mit einem Happy End, oder einer Heilung beendet wird, aber irgendwas Fassbares hätte ich mir schon gewünscht.

Fazit:
Ein sprachliches Meisterwerk, mit einer fantastisch konstruierten Geschichte, die unter die Haut geht und einen so schnell nicht mehr loslässt.

Danke für das Rezensionsexemplar an den Goldmann Verlag und lovelybooks.de!

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