Klassenziel

Titel: Klassenziel
Autor: T.A. Wegberg
Genre: Jugendbuch ab 13 Jahren
Seiten: 288 Seiten
Verlag: rororo
ISBN-10: 3499216248
ISBN-13: 978-3499216244

Erste Sätze:
Die junge Frau mit der Sonnenbrille geht in die Hocke und breitet beide Arme aus. Hinter ihr glitzern die Wellen. Sie lacht, während die beidne Jungen auf sie zurennen. Der größere in der blauen Badehose ist acht oder neun Jahre alt, hat kurzes dunkles Haar und ist ziemlich dünn.

Klappentext:
„Morgen gibt’s Zeugnisse“, sagte Dominik. Wir starrten beide geradeaus in die Dunkelheit. Ich versuchte, mein Zittern zu unterdrücken. „Du kriegst ja bestimmt wieder eins zum Einrahmen“, fuhr er fort. Und nach einer Pause: „Und ich hab das Klassenziel nicht erreicht.“ Ich gab immer noch keine Antwort.
„Aber es gibt ja noch andere Ziele. Höhere Ziele. Oder bewegliche Ziele.“ Er lachte, und ich fragte mich, was daran witzig sein sollte.

Siebzehn Leben hat Dominik bei einem Amoklauf in der Schule ausgelöscht – und am Ende auch sein eigenes verloren. Schuldgefühle, Trauer, Medienrummel und die Trennung seiner Eltern bringen Dominiks Bruder Jamie an seine Grenzen.
In Berlin muss er wieder bei null anfangen und versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Nicht ganz einfach, wenn die eigene Familie in Trümmern liegt und man ständig Angst haben muss, als Bruder eines Massenmörders erkannt zu werden. Doch dann lernt er Kenji kennen, der Musikmachen genauso liebt wie Jamie und sogar eine eigene Band hat…

Inhalt:
Der 15-jährige Benjamin zieht zu seinem Vater nach Berlin und versucht sich dort ein neues Leben aufzubauen. Sein altes wurde je beendet, als sein 17-jähriger Bruder Dominik an ihrer alten Schule Amok lief. Bei dieser Tat wurden 17 Menschen getötet, der Bruder starb durch Polizeikugeln.
Die Tat schockiert Deutschland, nichts ist mehr, wie es einmal war, für die Familie beginnt ein Kampf um ihr Leben.

Meine Meinung:
Das Buch wird kapitelweise erzählt, wobei zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewechselt wird. Einerseits wird über die Zeit vor der Tat geschrieben, andererseits steht man Benjamin in Berlin bei, wie er versucht, die Tat zu bewältigen und sich in seinem „neuen“ Leben einzufinden. Diese Erzählweise ist besonders eindringlich, weil man dadurch als Leser viele Situationen mitbekommt, die man als Anzeichen für einen Amoklauf sehen könnte, aber sie eben auch erst im Nachhinein wirklich deuten kann.

Es gibt viele Bücher zu dem Thema Amoklauf, aber wenige, die sich wirklich damit befassen, wie die Angehörigen nach so einer Tat weiterleben. Verachtet von der Gesellschaft, wird ihnen oft eine Mitschuld auferlegt und „Klassenziel“ ist vermutlich das erste Buch, was ich kenne, was wirklich auf eine lange Dauer zeigt, wie steiniger der Weg zurück in ein normales Leben ist. Normal, eigentlich das falsche Wort, weil es Normalität nicht mehr gibt, was einen auch im Buch einzigartig gezeigt wird. Zu Beginn war es mir ein bisschen befremdlich, wie die einzelnen Familienmitglieder mit der Tat umgegangen sind. Irgendwie denkt man ja, da wäre große Trauer, aber letztlich war es eher Schockstarre, die die ganze Geschichte über anhält, was im ersten Moment bei mir ein bisschen Unverständnis ausgelöst hat, allerdings war es für alle nur eine Überlebensstrategie und nachvollziehen kann man es als Außenstehender vermutlich nie ganz. Trotzdem bleiben für mich die Familienverhältnisse und die schnelle Erholung nach der Tat ein wenig sonderbar.

Mit Benjamin fühlt man sich relativ schnell verbunden, man fühlt mit ihm mit – leidet mit ihm. In Berlin angekommen, an der neuen Schule, versucht er sich eine neue Existenz aufzubauen, bloß niemanden Preis zu geben, dass sein Bruder ein Amokläufer ist, was es schwer für ihn macht, sich gegenüber jemanden zu öffnen, weil er immer auf seine Worte achten muss. Er vollführt einen wahren Drahseilakt.

Dominik könnte man als typischen Amokläufer sehen – er spielt brutale Computerspiele, ist ein Einzelgänger und Waffennarr. Natürlich könnte man jetzt alles als Klischees ansehen und es sei auch erwähnt, dass blutige Computerspiele noch lange keinen Amokläufer machen und trotzdem passt es in die Geschichte hinein. Man hat das Buch über schon das Gefühl, dass Dominik ein relativ verloren gegangener Junge ist, der irgendwo in der Hoffnungslosigkeit versinkt. Im Nachhinein könnte man auch sagen, dass es deutliche Anzeichen gab, aber im Nachhinein ist man vermutlich immer klüger.

Man kann viel sagen, aber eines ist gewiss – T.A. Wegberg kann einen in die menschliche Psyche hineinziehen, der psychologische Aspekt ist immer Punkt genau, „Memory Error oder Wie mein Vater über den Jordan ging“ war für mich das beste Jugendbuch, was ich jemals zum Thema Dissoziative Identitätsstörung gelesen habe und „Klassenziel“ steht dieser außerordentlichen Kraft in nichts nach.

Fazit:
Eindringlich wird das Leben von Angehörigen eines Amokläufers beschrieben, mit einer Intensität, wie ich es in noch keinem anderen Buch je erlebt habe.

Empfehlen möchte ich auch unbedingt die Autorenwebsite von T.A. Wegberg, da findet man einige wirklich interessante Buchrezensionen.

Danke für das Rezensionsexemplar an rororo und lovelybooks.de!

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