Ich nannte ihn Krawatte

Ich nannte ihn Krawatte

Titel: Ich nannte ihn Krawatte
Autor: Milena Michiko Flašar
Genre: Belletristik
Seiten: 144 Seiten
Verlag: Klaus Wagenbach
ISBN-10: 380313241X
ISBN-13: 978-3803132413

Erste Sätze:
Ich nannte ihn Krawatte.
Der Name gefiel ihm. Er brachte ihn zum Lachen. Rotgraue Streifen an seiner Brust. So will ich ihn in Erinnerung behalten.

Klappentext:
Ist es Zufall oder eine Entscheidung? Auf einer Parkbank begegnen sich zwei Menschen. Der eine alt, der andere jung, zwei aus dem Rahmen Gefallene. Jeder auf seine Weise, beide radikal, verweigern sie sich der Norm. Erst einem fremden Gegenüber erzählen sie nach und nach ihr Leben und setzen zögernd wieder einen Fuß auf die Erde.

Inhalt:
Der junge Taguchi Hiro ist ein Hikikomori, jemand der sich von der Gesellschaft zurückzog und nur noch in seinem Zimmer blieb, ohne jemals Kontakt zur Außenwelt zu suchen. Ein weitverbreitetes Problem und Phänomen in Japan. Die zumeist Jugendlichen halten den Leistungsdruck nicht mehr statt und suchen die soziale Isolation. Jetzt als 20-jähriger lernt er sein Zimmer zu verlassen, sucht Zuflucht vor der lauten Welt in einem nahegelegenen Park.
Ohara Tetsu ist ein 58-jähriger Firmenangestellter, der seine Arbeit verloren hat und es nicht wagt, es seiner Frau zu sagen. Jeden Tag verlässt er pünktlich das Haus, um für seine Frau die Illusion aufrechtzuerhalten, dass alles in Ordnung ist. Sein Weg führt ihn in den Park und somit ist der Anfang einer Geschichte geschrieben, die von zwei Menschen handelt, die aus der Norm gefallen sind und gemeinsam wieder Normalität schaffen.

Meine Meinung:
Es war eher ein Zufall, dass mir dieses Buch in die Hand fiel, vermutlich hätte ich ohne Empfehlung niemals dazu gegriffen. Die Geschichte klingt simpel gestrickt: treffen sich zwei Japaner auf einer Parkbank und erzählen einander ihr Leben. Allerdings ist die Begegnung, wie sie zueinander finden, eine feine und filigrane Annäherung. Zuerst sind es nur Beobachtungen, nur langsam kommt es zu wirklichen Gesprächssituationen, doch wenn sie da sind, dann hat man das Gefühl, als würden sich Menschen unterhalten, die sich schon jahrelang kennen. Kein Geheimnis scheint zwischen ihnen zu stehen, vermutlich deshalb, weil beide das selbe Schicksal teilen, sie passen nicht wirklich in die japanische, leistungsorientierte Gesellschaft. Stehen abseits. Zuerst jeder für sich, doch dann miteinander.

Heute begreife ich, dass es unmöglich ist, jemanden nicht zu begegnen. Indem man da ist und atmet, begegnet man der ganzen Welt. Der unsichtbare Faden hat einen vom Augenblick der Geburt an mit dem anderen verbunden. Ihn zu kappen, dazu bedarf es mehr als nur eines Todes, und es nützt nichts, dagegen zu sein.
Als er auftauchte, hatte ich keine Ahnung. (Seite 12)

In einem Wechsel erzählen die beiden Männer ihre Geschichten, geben einen kurzen Einblick in das eigene Leben, werden dadurch für den Leser mehr als nur facettenreich, nein, nach dem Lesen selbst hat man das Gefühl, beide wahrhaftig zu kennen. Eigentlich, eigentlich sitzt man zusammen mit ihnen auf der Parkbank, ist der stille Zuhörer, der beobachtet, wie die Verbindung der Zwei mit jedem Tag wächst.

Das Buch spielt in Japan, so werden auch viele japanische Ausdrücke eingebaut, was das Ganz nur irgendwie noch authentischer macht, wenn aber auch gesagt sei, dass die Geschichte im Prinzip überall spielen könnte, weil es in jedem Leistungssystem Menschen gibt, die durch das Raster fallen und sich als Ausgestoßene sehen. Zurück zu den Ausdrücken, es finden sich eine Menge in dem Buch vor, die allerdings im Anhang auch ihre Erklärung finden, bis es dem Leser irgendwie in Fleisch und Blut übergeht, man ein wenig selbst in Japan lebt.

Herauszuheben wäre die sprachliche Präzision, mit der das Buch geschrieben ist. Man könnte beinahe jeden Absatz anstreichen, so poetisch und wunderschön sind die Worte gewählt, die Gefühle verpackt.  Die Faszination an diesem Buch liegt für mich zum großen Teil an dem Schreibstil, allerdings auch an den zwei Protagonisten, die man einfach nur ins Herz schließen kann.

Fazit:
Es gibt diese kleinen Schätze auf dem Buchmarkt, die man einfach nur in sein Herz schließen kann. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist eines dieser außergewöhnlichen Werke.
5 Sterne

 

2 Gedanken zu “Ich nannte ihn Krawatte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s