Der Kaiser von China

Der Kaiser von China

Titel: Der Kaiser von China
Autor: Tilman Rammstedt
Genre: Belletristik
Seiten: 208 Seiten
Verlag: Dumont
ISBN-10: 3499253534
ISBN-13: 978-3499253539

Erste Sätze:
Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine vorletzte Postkarte erreicht, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseitegelegt, so wie ich auch die vorrangegangene Postkarten ungelesen beiseitegelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Wurfsendungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unter dem Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter verbarg.

Klappentext:
Ein Enkel spannt dem Großvater die Geliebte aus. Die stärkste Frau der Welt lernt Seiltanzen. Eine Reise nach China endet im Westerwald. Tilman Rammstedts furioser Roman sprüht vor Witz und Einfallsreichtum und erfindet zur Not ein ganzes Land – und was für eines.

Inhalt:
Der Großvater hat es sich gewünscht und so soll es sein – eine Reise nach China. Fünf Geschwister, die auslosen, wer mitfahren muss, weil klar ist – alleine kann Opa nicht reisen. Die Wahl fällt auf Keith, der hat aber mal überhaupt keine Lust das Haus zu verlassen und so macht sich der Großvater alleine auf den Weg nach China – mit dem Auto. Die Geschwister bleiben im Glauben gelassen, dass beide gemeinsam verreist sind, nur Keith und Großvater kennen die Wahrheit. Während der eine mit dem Auto quer durch Deutschland fährt, versteckt sich der andere in der Gartenlaube und schreibt Briefe, Briefe aus China und über eine Reise, die niemals stattfand.

Meine Meinung:
Was es ist, weiß ich nicht genau, aber dieses Buch hat etwas sehr magisches an sich. Skeptisch machte ich mich an die Geschichte, sie klang einladend und doch hatte ich keine Vorstellung, wie man über eine Reise berichten sollte, die nicht stattfindet, aber hier liegt das Talent des Autors. Man liest sich durch die Briefe an die Geschwister, die ein Leben des Großvaters erschaffen, die einen zweifeln lassen. Wirklichkeit oder nur Fantasie? Obwohl mir klar war, dass diese Reise nicht stattfand, konnte ich dies während des Lesens nicht trennen. Für mich waren es keine leeren Postkarten, sondern tatsächliche Erlebnisse die Enkel und Großvater durchmachten. Darin sehe ich die Magie, darin, dass der Autor Grenzen verwischen kann.

Die Geschichte schließt sich schnell um einen, irgendwas bringt einen dazu, immer weiterzulesen, auch wenn man jetzt nicht sagen könnte, was gerade die Faszination ausmacht. Das Erzählte ist nett und skurril, eine seltsame Idee, aber vordergründig nimmt einen der Schreibstil in Beschlag, der sich in einem Rutsch genießen lässt. Nebenher bleibt immer die Frage offen, ob das Versteckspiel aufrechterhalten werden kann, da es zu, sagen wir, unerwarteten Stolpersteinen kommt, was nur noch mehr Feuer in die Sache bringt.

Man hat einmal die Situation, dass sich der Enkel in der Gartenlaube versteckt und dann dazwischen wieder einmal eine Postkarte eingeschoben. Von der Reise, die der Großvater tatsächlich unternommen hat, davon bekommt man leider nichts mit, irgendwie hätte mich seine Sicht der Dinge auch interessiert, aber es war Keiths Erzählung, deswegen kann man sich vermutlich eine Ausschmückung in diese Richtung nicht erwarten.
Die Vorkommnisse in China, die, die also nie stattgefunden haben, sind sehr authentisch und lassen entweder auf eine wahnsinnige Recherchearbeit schließen, oder auf die blühende Fantasie dieses Autors – einerlei, es ist grandios, was hier geschaffen wurde.

Egal wie viel man gelesen hat, welche Idee man hegt, wie es weitergehen könnte, es war ständig anders wie gedacht. Dieses Buch lässt sich nicht erahnen, seine Handlung ist undurchsichtig, sprudelt nur so vor Überraschungen. Ich habe die Geschichte beendet, den Buchdeckel zugeklappt und mich gefragt: Was war das? Skurrilität auf höchstem Niveau.

Oft wird bei dem Buch das Wort Humor verwendet, was ich nicht ganz unterschreibe, da ich niemals lachen musste. Kopfschütteln wegen Absurdität – ja, mehr aber nicht, wobei, mehr brauchte das Buch für mich auch nicht.

Fazit:
Absurd und skurril sind wohl die Worte, die das Buch am besten umschreiben. Nicht alle wird die Erzählweise überzeugen, dafür braucht man den Willen, sich auch mal auf etwas Seltsames einzulassen, aber letztlich ist es lohnenswert, wenn man einmal über den Tellerrand schaut.
4 Sterne

3 Gedanken zu “Der Kaiser von China

  1. Ich fand Klappentext und Titel unglaublich ansprechend und habe erwartet, dass Keith dann die Reise unternimmt, quasi zu Ehren des Großvaters. Im Nachhinein war ich dann schon ziemlich enttäuscht. :/

    • Während des Lesens dachte ich mir die ganze Zeit, die Reise würde tatsächlich stattfinden, dass zu trennen war wirklich schwierig, aber ja, ein bisschen mehr Ehrung und Respekt vor dem Großvater hätte mir auch gefallen.
      Ich glaube, es ist ein sehr eigener Humor, den man einfach mag oder nicht. Schade, dass es dich eher enttäuscht hat.

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