Der Winter tut den Fischen gut

Der Winter tut den Fischen gut

Titel: Der Winter tut den Fischen gut
Autor: Anna Weidenholzer
Genre: Belletristik
Seiten: 250 Seiten
Verlag: Residenz Verlag
ISBN-10: 3701715831
ISBN-13: 978-3701715831

Erste Sätze:
Wenn er die Tür öffnet, werde ich sagen, vielen Dank für die Einladung. Ich werde sagen, mein Name ist Maria Beerenberger, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Setzen Sie sich, wird er sagen und mir einen Platz anbieten. Ich werde gewusst haben, welche Kleidung ich anziehe. Ich werde mir überlegt haben, wie ich persönlich bin.

Klappentext:
Anna Weidenholzer hat ein feines Gespür für das absurde Wesen der Welt, die man uns zumutet. Für Menschen, die sich ihr Lebtag bemühen, doch selten erlöst werden. Nicht anmaßend „schonungslos“ schreibt sie, sondern auf selten gewordene Weise einfühlsam und behutsam. Gerade deshalb geht, was sie schreibt, unter die Haut. (Peter Henisch)

Inhalt:
Maria Berrenberger ist 48, Textilverkäuferin, verwitwet und arbeitslos. Jahrelang bestand ihr Alltag daraus, zur Arbeit zu gehen, spät abends nach Hause zu kommen und es sich dort auf dem Sofa, mit ihrem Mann Walter, gemütlich zu machen. Diese Welt gibt es nun nicht mehr, alles scheint zerbrochen.
Sie beginnt zu Vereinsamen, geht nicht zu den Terminen vom Arbeitsamt, wehrt den Kontakt mit ihren ehemaligen Arbeitskollegen ab und auch Besuche bei der Familie unterlässt sie. Sie und Walter hatten niemals Kinder, der Freundeskreis beschränkt – so bleibt sie alleine mit ihren trüben Gedanken und dem Gefühl, versagt zu haben, nicht mehr brauchbar für die Welt zu sein.

Meine Meinung:
Laut inneren Klappentext hatte ich mir eigentlich ein Buch erwartet, was darauf zielt, verschiedenste Menschen in ihrem Leben zu beobachten. Ihre oft seltsam wirkenden Verhaltensweisen näher zu beleuchten, während man bei der Geschichte stiller Beobachter spielt. So ist es aber nicht, ganz und gar nicht, beobachtet wird, wenn man es überhaupt so nennen will, nur Maria. Hat jetzt meine Erwartungshaltung nicht erfüllt, fand ich ein wenig schade, weil ich mir einfach Geschichten in einer Geschichte erhofft hatte, aber es heißt nicht, dass mir die Umsetzung nicht trotzdem gefallen hat.

Du sagst: Was schaust du immer in den Himmel, Maria, dort siehst du nichts. Ich sage: Ich sehe die Wolken, ich sehe die Sonne, dann und wann ein Flugzeug, dann und wann ein Vogel, das genügt. Du drehst dich nicht um, ich bleibe zwei Schritte hinter dir. Dort, wo wir stehen, wird der Schnee stärker platt gedrückt als dort, wo wir nur darüber gehen. Der Schnee deckt alles zu, auch deine Spuren, sie werden verschwinden. Tanz mit mir Tango, sage ich, tanz mit mir. Warum flüsterst du,  fragst du. Ich habe meine Stimme verloren, ich weiß nicht, wo sie ist.  (Seite 91)

Maria ist einen schon nach wenigen Seiten sympathisch, sie hat etwas an sich, was einen nicht mehr loslässt. Die Verzweiflung darüber, dass sie keine Arbeit mehr findet, sie ist beinahe greifbar. Das Geschriebene ist authentisch, ihre Verhaltensweisen lassen sich nachvollziehen, die Angst vor dem Arbeitsamt, welches sie einfach noch irgendwo hineinquetschen möchte, um sie loszuwerden. Das Gefühl, jeden und allen nur lästig zu sein, an seinen eigenen Wert zu zweifeln, weil einen die Umwelt eben genau dies zeigt – man ist überflüssig, unsichtbar.

Neben der Arbeitssituation ist es aber auch die Einsamkeit, die das Buch prägt. Mit ihrem Mann Walter hatte sie nie Kinder, dachte aber, mit ihm alt werden zu können. Man richtete sich gemeinsam im Leben ein, brauchte keine anderen Menschen, hatte doch einander, doch dann wird ein Teil des Paares weggerissen und man bleibt alleine zurück. Sieht, wie sehr man sich einigelte, weil man dachte, nicht mehr Menschen zu brauchen, außer dem Lebenspartner. Maria hat Bekannte, aber nach dem Jobverlust, wird sie von diesen meist bedrängt, behandelt wie eine Ausgestoßene, weil man nicht mehr in die Gesellschaft passt, wenn man nicht arbeitet und so distanziert sie sich von ihnen, weil Vorwürfe das Letzte sind, was sie noch braucht, wo sie sich selbst schon gedanklich fertig macht.

Es gibt Tage, an denen man sich wünscht, es wäre jemand hier, der einem über den Kopf streicht. Egal wie schmutzig die Hände sind, Hauptsache, sie sind groß. (Seite 127)

Jetzt wäre es das perfekte Buch, nur leider gefällt es mir überhaupt nicht, dass das Buch rückwärts läuft. Man marschiert durch das Buch, bis man in Marias Kindheit angelangt. Ok, ist der Stil, kann man sich damit anfreunden, aber es geht zum Schluss einfach viel zu schnell. Über die Hälfte des Buches befindet man sich in der Gegenwart, dann gleitet man ein wenig in die Vergangenheit ab und am Ende, zack, landet man in der Kindheit. Ging mir persönlich viel zu schnell und außerdem wollte ich doch so gerne wissen, wie Maria ihr Leben in der Gegenwart meistert. Ich sag’s direkt heraus: fand das Ende einfach richtig schlecht. Leider, weil ich ansonsten das Buch liebte.

Fazit:
Zentrale Themen des Buches sind Arbeitslosigkeit und Einsamkeit, wie sie das Leben eines Menschen prägen, welche Auswirkungen sie haben. Eine eindringliche und beklemmende Beschreibung, die leider in einem schwachen Ende gipfelt.

4 Sterne

4 Gedanken zu “Der Winter tut den Fischen gut

  1. Schade, dass dir das Ende des Buches nicht gefallen hat. Ich habe „Der Winter tut den Fischen gut“ trotz der ungewöhnlichen Art zu Erzählen, sehr gerne gelesen … auch mit dem Ende konnte ich mich anfreunden. Ich mochte Maria einfach sehr gerne und konnte mich gut in sie hineinversetzen. In der Tat wäre es aber sicherlich spannend gewesen, noch mehr aus ihrem Leben in der Gegenwart zu erfahren.

    • Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen, besonders der Schreibstil hat mich doch sehr überrascht, aber wie du sagst, so ein kleiner Einblick in das Leben, wie es für Maria weitergeht, wäre doch sehr spannend gewesen und hätte ich mir auch eigentlich gewünscht.

  2. Das klingt ganz nach einem Buch, welches ich unbedingt haben muss – am liebsten sofort! Sehr philosophisch und poetisch. Das ZItat ist wunderschön. Vielen Dank für deine Besprechung. 😉

    Liebe Grüße,
    Tanja

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