Die gespaltene Welt des Emil Lorenz

Die gespaltene Welt des Emil Lorenz
Titel: Die gespaltene Welt des Emil Lorenz
Autor: Christine Walder
Genre: Biografie
Seiten: 208 Seiten
Verlag: Drava Verlag
ISBN-10: 3854355084
ISBN-13: 978-3854355083

Erste Sätze:
Die wir schreiben, wisset, die wir dichten,
Nicht für jene tun wir’s, die uns richten.

Diese Verse es Kärntner Schriftstellers,  Volksbildners und Freud-Schülers Emil Lorenz (1889-1962), einer nahezu vergessenen „Schattengestalt“ der Geschichte der Psychoanalyse und jener Kärntens, möchte ich diesem Buch nicht nur voranstellen, sie durchziehen es gleichsam leitmotivisch. Literarisches Schaffen kann man beurteilen. Einen Menschen nicht zu „richten“, nicht zu beurteilen, fällt schwer.

Klappentext:
Vom Schüler Sigmund Freunds und Mitarbeiter der Zeitschrift „Imago“ zum illegalen NSDAP-Mitglied und später Leiter der Reichsschrifttumskammer in Kärnten:
Anhand der brüchigen Biographie des Privatgelehrten, Volksbildners, Kulturkämpfers und Dichter Emil Lorenz beleuchtet die Autorin das zwiespältige Denken jener kulturellen Elite im Umkreis des Schriftstellers Josef Friedrich Perkonig und die enge Verflechtung von Kultur und Politik, die gerade für Kärnten über Jahrzehnte prägend bleiben wird
Täter oder „Opfer der Umstände“? Das Buch sichert Spuren und sammelt Material, das Urteil überlasst es der Leserin/dem Leser.

Meine Meinung:
Wer ist Emil Lorenz? Diese Frage haben sich vermutlich noch nicht viele Menschen gestellt, auch mir war der Name kein Begriff, noch nie kam er mir unter und doch, auf der Suche nach Kärntner die im psychologischen Betrieb rund um Sigmund Freund mitwirkten, stieß ich auf Emil Lorenz und durch den Drava Verlag, auf das vorliegende Buch.

Ein paar Eckdaten zu Emil Lorenz: Geboren am 15.02.1899 in Mittel am Steinfeld bei Wiener Neustadt, gestorben am 10.02.1962 in Klagenfurt/Kärnten. 1907 legte er die Matura in Klagenfurt ab, im selben Jahr inskribierte er an der Universität Wien in den Fächern Philosophie, Psychologie und klassische Philologie. 1910 und 1911 war er Hörer der Vorlesungen von Sigmund Freund. Im Jahre 1911 promovierte er zum Doktor der Philosophie.
Im Jahre 1913 schrieb er Texte für die bekannte psychologische Zeitschrift Imago, wurde im Herbst desselben Jahres Gymnasiallehrer in Klagenfurt.
Im ersten Weltkrieg war er Leutnant an der italienischen Front und war nach ihm Beteiligter am „Kärntner Abwehrkampf“.
Die Nationalsozialisten machten ihn 1939 zum Leiter der Reichsschrifttumskammer für Kärnten, genau wegen dieser Tätigkeit wurde er 1945 aus dem Schuldienst entlassen. Später (1949) arbeitet er für den Rundfunk.

Nur Jahreszahl, was sagen sich schon über einen Menschen aus – im Buch bekommt er ein Gesicht, bleibt nicht nur eine aus Daten zusammengewürfelte Existenz, sondern erhält Leben. Gedankenzerrissenheiten und Emotionsempfinden werden einem vermittelt. Präzise und eindringlich wird die Biografie von Emil Lorenz aufgearbeitet. Zusammenhänge zwischen Psychoanalyse und Politik werden aufgezeigt und näher beleuchtet.  Besonders gut fand ich es, dass hier nicht alles nach Schema F abläuft, sondern auch Ambivalenzen in den Gedanken und Handlungen deutlich spürbar werden. Ich kann nur erahnen, welche immense Arbeit es war, diese ganzen Informationen zusammenzutragen. Während ich das Buch las, versucht ich im Internet etwas mehr zu erfahren, aber es gibt dort nichts Relevantes und so war es vermutlich eine Archivarbeit sondergleichen, die so detailreich wie sie gestaltet wurde, einfach Hochachtung verdient hat.

Auf seinen Lebensweg trifft Emil Lorenz auf viele interessante und bekannte Persönlichkeiten, doch als Verehrerin von Christine Lavant fand ich besonders die Korrespondenz zwischen diesen beiden spannend. Es handelt sich um einen sehr, sehr kleinen Abschnitt im Buch, gerne hätte ich mehr darüber gelesen, wobei es scheinbar erschöpft ist und einfach nicht viel mehr erhalten darüber sein dürfte.

Der Untertitel des Buches laut „Psychoanalyse und politisch-kulturelle Netzwerke in Kärnten“, was bei mir die Vermutung aufkommen ließ, dass Emil Lorenz doch auch einmal im Bereich der Psychoanalyse arbeiten musste. Ist aber nicht so, es wird vermutet, dass er in den frühen Wiener Jahren damit in Berührung kam, aber dass er es praktisch mal ausübte scheint eher ausgeschlossen. Es ist ein bisschen irreführend, ist das Buch letztlich doch sehr psychologielastig.

Dieses Buch war für mich ein Langzeitprojekt, ein Jahr nahm ich mir Zeit, um durch die Seiten zu stöbern. Nach meinen Recherchen dürfte es sich bei „Die gespaltene Welt des Emil Lorenz“ um die Doktorarbeit von Christine Walder handeln, so lässt sie sich auch lesen – reichlich schwer beladen. Und ich glaube nicht, dass man das Buch lesen sollte, wenn man nicht ein fundiertes Wissen in Psychologie hat, ich mit meinem Laienwissen stieß manchmal an meine Grenzen, was war die Verlockung oft groß, das Buch in die Ecke zu pfeffern, weil ich es einfach nicht verstand, was ich da las. Sich die Mühe zu machen, sich dem Buch voll und ganz zu widmen, es ist lohnenswert, aber durchaus kein leichtes Unterfangen.

Fazit:
Wer ist Emil Lorenz? Diese Frage löst das Buch, bringt einen eine außergewöhnliche Persönlichkeit näher, die durch seine interessanten Facetten besticht und durchaus zu kennen lohnenswert ist.
4 Sterne

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