Der Fisch ist ein einsamer Kämpfer

Der Fisch ist ein einsamer Kämpfer

Titel: Der Fisch ist ein einsamer Kämpfer
Originaltitel: Topolina
Autor: Astrid Waliszek
Genre: Belletristik
Seiten: 173  Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-10: 3455403751
ISBN-13: 978-3455403756

Erste Sätze:
Ich liebe niemanden. Außer mich selbst, wenn überhaupt. Das wechselt von Tag zu Tag. An einem ist es erträglich, am nächsten bin ich von mir gelangweilt Mit mir zu leben ist anstrengend, mit den anderen zu leben wird mir schnell unerträglich. Dabei interessieren sie mich. Ich finde gern heraus, wie sie leben und was sie denken, warum sie so leben, wie sie leben.

Klappentext:
Topolina liebt die Kunst. Sie liebt Bücher. Aber Menschen liebt sie nicht. Die frühere Künstlerin arbeitet als Putzfrau in der Wohnung einer Pariser Familie. Eines Tages findet sie dort unter der Bettdecke eine Nachricht des kleinen Sohns für sie. Es ist nur eine harmlose Bitte, doch sie stellt Topolinas Leben auf den Kopf…

Inhalt:
Topolina ist nicht gerade ein Menschenfreund, lieber verbringt sie ihre Zeit zwischen Buchseiten, oder sich der Kunst widmend, nur dort fühlt sie sich wohl. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitet die einstige Künstlerin als Putzfrau einer Pariser Familie. Hier beginnt auch eine Geschichte, die für Topolina alles verändern wird – der Sohn der Familie schreibt ihr einen Zettel, eine kleine Bitte, die eine Beziehung entstehen lässt, die vor allem für die verletzliche Frau etwas ganz besonders wird.

Meine Meinung:
Normalerweise bin ich jemand, der sehr selten spontan ein Buch aus dem Geschäft mitnimmt, viel mehr durchforste ich Bewertungen oder lese Leseproben, hier war es anders – der Titel, die Covergestaltung und der Klappentext reichten für mich vollkommen aus, so sehr war meine Neugier geweckt.
Der Gedanke war, das Buch würde sich über die Freundschaft oder zumindest diese kleine Beziehung zwischen Topolina und dem drehen, was allerdings nicht so wirklich stimmt, mehr lernt man den Mikrokosmos einer alleinstehenden Frau kennen, die zwar alleine ist, aber nicht einsam. Es ist ihre eigene Entscheidung, nicht wirklich viele soziale Kontakte zu haben, doch sie hat trotzdem welche, zumal ihre zweite Arbeitsstelle in einer Bar ist, so ist sie unweigerlich zwischenmenschlichen Aktion ausgeliefert, aber in ihrer Freizeit widmet sie sich mehr der Kunst, versinkt darin und es scheint nicht so, dass sie mit der Situation unzufrieden wäre, nein, sie hat sich eingerichtet, klagt nicht und doch, auf jeder Seite spürt man Schmerz, auch wenn man ihn nicht einordnen kann, doch man merkt, es gibt Gründe für ihre Verhaltensweisen und so ist ein beinahe ein kleiner Krimi, wenn man miträtselt, was wohl in ihrem Leben passiert ist, dass sie auf Abstand zu allen bleibt.
Es gibt diesen Grund, natürlich gibt es ihn, aber richtig fassbar ist er nicht – man muss dazu ein wenig seine Fantasie zu Rate ziehen, es gibt kleine Bausteine, das Gebäude muss man sich aber letztlich selbst zusammenzimmern.

Obwohl Topolina ausführlich beschrieben wird, von ihr ein klares Bild erschaffen wird und auch der Schmerz spürbar ist, da ist doch irgendwie eine Kälte, die ich nicht ganz einordnen kann. Die Protagonistin strahlt eine Kühle und Distanziertheit aus, dass man sie zwischen den Zeilen nicht richtig fassen kann. Sie schlüpft einen durch die Finger, zumindest wenn es die emotionale Ebene betrifft. Ihr Leben kann man sich in allen Facetten ausmalen, da lässt es nichts zu wünschen übrig, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Kälte nicht als gutes Stilmittel interpretiere, oder doch als Verfehlung der Autorin. Es lässt mich zweifelnd zurück, aber auch soweit, dass ich darüber nachdenke, über die Geschichte, obwohl sie schon längst beendet ist.

Ich weiß nicht mehr, wie es kam, dass ich mit niemanden mehr sprach. Ich habe den Eindruck, es kam ganz von selbst, es gab immer weniger Leute, mit denen ich sprechen konnte. Vielleicht auch immer weniger Dinge zu sagen, vielleicht ist es das Gefühl, das kommt, wenn man älter wird, man denkt, es gibt eine begrenzte Anzahl von Wörtern und man hat so lange immer dieselben wiederholt, dass es sich anfühlt, als würden sie nichts mehr bedeuten.
Vielleicht gibt es auch für jeden eine Quote an Wörtern, und ich komme dem Ende meiner Ration näher, deshalb spare ich. Ach ja, ich erinnere mich, wann ich aufgehört habe: Es war der Tag, als ich mich dabei ertappte, wie ich denselben Satz wortwörtlich wiederholte. Ich hatte vergessen, dass ich ihn ausgesprochen hatte, das fiel mir in dem Moment auf, als ich ihn wiederholte, und ich merkte, dass es keine Bedeutung hatte, weder so noch so. Ich glaube, da ging es los. Und ich glaube, ich habe nichts mehr zu sagen, die Worte sind mein Eigentum geworden: Sie lustwandeln in meinem Kopf, und das ist sehr gut so. (Seite 41)

Gewünscht hätte ich mir einen intensiveren Briefwechsel zwischen Topolina und Rochade (der Junge), weil so lebensverändernd ist er nicht wirklich, sicherlich bricht er alte Wunden auf, aber die Geschichte ist zu kurz, um sie wirklich komplett aufnehmen zu können. Angedeutet sind die Veränderungen für Topolina schon, aber wirklich drängend und weltverändernd nahm ich sie nicht wahr, was vermutlich daher rührt, dass es auch nicht wirklich beim Namen genannt wird, was die Verletzungen letztlich eigentlich sind, alles wird nur umschrieben und kurz angedeutet. Der Zauber, der durch den Briefkontakt entstanden wäre, wie es der Klappentext verspricht, der wird einfach nicht geboten, wobei ich mir nicht sicher bin, ob man das Buch nicht noch einmal lesen sollte, weil man dann schon die Rahmenbedingungen kennt und sich ganz anders auf die Geschichte einlässt. Ein Versuch wäre es durchaus wert.

Fazit:
Der große Zauber, der einen versprochen wird, den konnte ich nicht finden und doch ist es eine poetische Geschichte, die einen nach dem Lesen nicht einfach gehen lässt, sondern noch nachgespürt werden möchte, obwohl ich letztlich nicht ganz überzeugt geworden bin.

3 Sterne

9 Gedanken zu “Der Fisch ist ein einsamer Kämpfer

  1. Das Buch liegt hier schon und wartet darauf gelesen zu werden. Etwas unsicher werde ich mir nach deiner Bewertung aber schon und bin bereits gespannt, wie ich das Buch lesen und empfinden werde. 🙂

    • Unsicherheit ist gar nicht angebracht, weißt du, es ist ein tolles kleines Buch, was während des Lesens schön ist, erst wenn man es weglegt, da macht sich das Gefühl breit, dass irgendetwas fehlte, aber wer weiß, vielleicht findest du es zwischen den Seiten 🙂

  2. Den Eindruck, dass da etwas fehlte, den hatte ich nicht. Leser machen sich eh ihr Kino im Kopf, welches von mehr oder minder zarten, harten oder sonstwie gearteten Andeutungen lebt…

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