Splittermädchen

Splittermädchen

Titel:  Splittermädchen
Autor: Rebekka Knoll
Genre: Belletristik
Seiten: 248 Seiten
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf 
ISBN-10: 3862653420
ISBN-13: 978-3862653423

Erste Sätze:
Als Susi den Brief unter der Tür hindurchschiebt, wird ihr Rücken ganz rund. Ela kann die einzelnen Wirbel sehen, wie sie sich gegen die Haut drücken. Als würden sie Susis Haare wegschieben wollen.

Klappentext:
Ela war zehn, als ein junger Mann sie vor dem Ertrinken rettete und ihr bester Freund wurde. Jahrelang konnte sie über alles reden, doch dann lernt Ela Betty kennen. Und das blasse Mädchen mit dem geheimnisvollen Blick verbindet eine ganz andere Geschichte mit ihm: Sie war einst sein Opfer.
Als Ela herausfindet, dass ihr Freund vor Jahren Kinder missbraucht hat, zersplittert ihre Freundschaft. Und mit ihr zersplittert auch Ela selbst.
Sie schließt sich mit Betty zusammen, um einen radikalen Racheplan zu schmieden. Allerdings wissen die Mädchen nicht, wie wenig Zeit sie haben – denn der beste Freund, der mit Elas Rückzug jeden Halt verliert, nimmt langsam wieder Kontakt zu Kindern auf.

Meine Meinung:
Kritisch stand ich dem Buch gegenüber, so ein leichtes Cover, passt es zu diesem schwerwiegenden Inhalt? Ich schlich um die Geschichte, Geld sparen oder doch ins kalte Wasser springen? Letztlich bin ich froh, über den Absprung, den ich gewagt habe.

Ela mag ihren besten Freund Stefan über alles, seit einem Unfall sind sie beinahe unzertrennlich, bröckeln beginnt die Fassade, als sie auf die junge Betty trifft. Sie ist sehr introvertiert und scheint ein Geheimnis zu bewahren. Nach anfänglichen Misstrauen gegenüber Ela, offenbart sie sich ihr doch: sie wurde von Stefan sexuell missbraucht. Für das junge Mädchen zerbricht daraufhin alles, hat sie sich so sehr in ihrem besten Freunde getäuscht? Mit ihr geht man auf Spurensuche, zweifelt an Situationen, über allem steht die Frage: Wen soll man glauben?

Gut umgesetzt fand ich die Tätergedanken, es kommt immer wieder zu einzelnen Kapiteln über Stefan, der gegen eine innerliche Stimme kämpft, eigentlich Kinder so gut wie meidet, eben weil er weiß, welche Gefahr von ihm ausgeht. Hier liegt die Kraft des Buches: es bringt einem zum Nachdenken. Opferhilfe und -schutz ist wichtig, doch genauso haben Vereine wie kein-täter-werden hohe Dringlichkeit. Auf der Seite dort heißt es: „Niemand ist schuld an seiner sexuellen Neigung, aber jeder verantwortlich für sein Verhalten.“ Hier ist der Punkt, vermutlich kann wirklich niemand etwas für seine Neigungen, doch jeder hat einen freien Willen, kann Entscheidungen treffen. In Deutschland gibt es momentan 11 Anlaufstellen, viel zu wenig, was mich bei solchen Sachen immer stört – in Hauptstädten gibt es Angebote, doch was ist mit der ländlichen Seite, was ist mit Österreich, wir haben keinerlei solchen Vereine. Glaubt mir, so wichtig ich es finde, dass sich potenzielle Täter helfen lassen, so wichtig finde ich es auch, dass es mehr Anlaufstellen für Opfer gibt. In Kärnten, wo ich wohne, gibt es keinerlei Selbsthilfegruppen oder ähnliches. Es ist einfach erschreckend, wie präsent dieses Thema in unserer Gesellschaft ist und doch zumeist verschwiegen, ignoriert wird. Dieses Buch trägt dazu bei, dass man sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt, beide Seiten betrachtet. Man beginnt Pädophile zu trennen, in die abartigen Wesen und die, die eigentlich mit Hilfe aus diesem Kreislauf aussteigen könnten. Es müsste nur mehr davon geben: Hilfe.

Ela sucht die Wahrheit, zersplittert an der Situation, weshalb der Titel so treffend ist und unwillkürlich fragt man sich selbst: ja, wie würde ich reagieren? Schweigen und ignorieren oder es ansprechen? Pädophile sind in der Gesellschaft widerliche Gestalten und es gibt sie natürlich, die Männer und Frauen, die ihre Neigung mit Genuss zelebrieren, doch wie schrecklich muss es für einen Menschen sein, diesen beschissenen Drang zu haben und ihn eigentlich nicht zu wollen, weil sie wissen, es ist falsch. Öffentlich kann man sich nicht Hilfe suchen, blitzschnell wäre man verurteilt, was jetzt sicherlich nicht komplett falsch ist, aber man muss differenzieren: möchte jemand etwas gegen seine Neigung unternehmen oder nicht. Stefan ist ein lieber Mensch, ich glaube, würde man ihn treffen, man fände ihn gleich sympathisch und jetzt hat er eben diese Neigung, kämpft mich sich selbst und als Leser beginnt man ebenso einen Kampf. Man kann nicht mehr absolut verurteilen, sondern beginnt seine Gedanken zu hinterfragen. Wie wichtig ist neben Opferhilfe, selbige für Täter? Man kann nach der Lektüre des Buches nicht mehr vollkommen verurteilen. Sicherlich, es ist schrecklich, wenn man über sexuellen Missbrauch liest, doch wie viele Taten hätten verhindert werden können, gebe es mehr Anlaufstellen. Man hadert mit sich selbst, sieht Täter nicht nur als Monster, sie bekommen eine menschliche Seite und ich glaube, es bringt dem Leser auch ein wenig zum Splittern.

So gut ich das Buch finde, so hätte ich mir doch ein paar mehr Einblicke aus der Opfersicht gewünscht. Betty kommt zu Wort, sicherlich, aber die Ausgewogenheit stimmt nicht so ganz. Ich hätte mir ein paar mehr Details aus ihrer Welt gewünscht, die angesprochen werden, aber doch eher etwas im Hintergrund bleiben. Hätte es diese Mischung gegeben, dann wäre das Buch perfekt, so bleibt es jedoch eine sehr sehr wichtige Geschichte, die niemanden gedankenlos zurücklässt.

Fazit:
Pädophile sehen viele als Monster, mag stimmen, doch was ist mit Männern und Frauen, die ihren eigenen Drang selbst hassen, gegen ihn kämpfen. Kann man verurteilen? Sollte man nicht mehr Anlaufstellen auch für sie schaffen, damit es niemals zum Äußersten kommt? Man lernt: Täterprävention ist genauso wichtig wie Opferhilfe und letztlich bleibt leider nur die traurige Feststellung: für beides gibt es viel zu wenig Unterstützung.

5 Sterne

 

Ein Gedanke zu “Splittermädchen

  1. Liebe Yvonne,
    ein interessantes Buch hast Du da sehr griffig beschrieben, das die Problematik des Themas anschaulich auf den Punkt zu bringen scheint. Vielleicht ist es so, dass vielmehr Menschen als wir uns vorstellen können ernsthaft mit sich und ihren Neigungen kämpfen – und da fehlt dann die Hilfe und die Prävention. Wie ich es sehe, ist das eine Art Krankheit oder Veranlagung, die man möglicherweise in manchen (oder vielen?) Fällen präventiv therapieren könnte. Aber dann muss man auch wissen von diesen Menschen und die müssten sich öffnen und Hilfe suchen. Und 10 Standorte von ‚kein Täter‘ in einem wie D’land kann grad mal ein Anfang sein, denn das ist natürlich viel zu wenig.
    Noch ein Wort zum Schluss: ich finde es wirklich wichtig, sich um die Täter zu kümmern, am besten, bevor sie zu solchen werden. Aber was für lebenslange Traumata bei den Opfern ausgelöst und manchmal aus Scham Jahre- und jahrzehntelang verschwiegen werden, ist in unserer Wahrnehmung in meine Augen Immer noch zu wenig präsent. Und insbesondere finde ich es ganz furchtbar zu wissen, dass dieses Missbrauchsthema in unserer Gesellschaft, insbesondere, wenn es im engsten Umfeld geschieht immer noch ein sehr tabu-behaftetes ist. Auch deshalb sind solche Bücher wichtig.
    Liebe Grüsse, Kai

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