Stell dir vor, dass ich dich liebe

 

Titel: Stell dir vor, dass ich dich liebe
Originaltitel: Holding Up the Universe
Autor: Jennifer Niven
Genre: Jugendbuch ab 12 Jahren
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: Broschiert, 464 Seiten
ISBN: :978-3737355100


Kauft doch wieder einmal in eurer örtlichen Buchhandlung ein!

Inhalt:
Jack ist der Coolste, der Schönste, von allen geliebt und begehrt. Doch er hat ein Geheimnis: Er ist gesichtsblind. Auf Partys fällt es ihm schwer, seine Freundin unter all den anderen Frauen zu erkennen. Für ihn sieht ein Gesicht wie das andere aus. Dass er schon mal einer vollkommen Fremden ein »Hey Baby« ins Ohr raunt, halten alle für Coolness. Doch Jacks ganzes Leben besteht aus Strategien und Lügen, um sein Problem zu vertuschen: Immer cool bleiben, auch wenn er mal die Falsche küsst. Jedes Fettnäpfchen eine Showbühne! Und dann kommt Libby, die in den Augen vieler so unperfekt ist, wie man nur sein kann. Denn Libby ist übergewichtig. Keine Strategie der Welt kann das vertuschen. Libby ist die Einzige, die erkennt, was hinter Jacks ewigem Lächeln steckt. Bei ihr kann Jack zum ersten Mal einfach er selbst sein.
Aber hat einer wie Jack den Mut, zu einer wie Libby zu stehen? ©FISCHER Sauerländer

Meine Meinung:
„All die verdammt perfekten Tage“ von Jennifer Niven habe ich damals geliebt, wie könnte man auch Finch nicht verfallen, allerdings habe ich nur danach gegriffen, weil ich eine Empfehlung dazu bekommen habe, wegen des Covers hätte ich wohl nie danach gegriffen.

So war es auch mit „Stell dir vor, dass ich dich liebe“, ich wollte es mir nicht kaufen und schon gar nicht lesen, weil Cover, Titel und Klappentext einfach furchtbar klangen/aussahen. Ich weiß, Äußerlichkeiten sagen nichts über Innerlichkeiten, aber dadurch, so die Wahrheit, verstaubte das Buch auf meiner Wunschliste. Beim Entstauben habe ich es dann wieder entdeckt, spontan gekauft und gelesen.
Es war gut, es war anders, nicht so kitschig wie das Cover vermuten lässt und definitiv eine Geschichte, die man lesen sollte.

Jack ist ein beliebter Schüler, der mit seiner Coolheit wie der Oberchecker vom Dienst wirkt, in Wahrheit aber nur sein Geheimnis überspielen zu versucht: Er ist gesichtsblind.
Heißt, erkennt keine Geschichte, kann sie sich nicht merken, nicht einmal die seiner Familie. Über Jahre hinweg hat er sich eine Strategie angeeignet, um zumindest irgendwie Menschen „wiederzuerkennen“ – Kleidungsstyle, Friseur etc.

Libby hingegen versucht eher unauffällig durch den Schulalltag zu kommen, ist es doch ihr erstes Jahr, nachdem sie zu Hause unterrichtet wurde. Unauffällig zu sein wird einen jedoch sehr erschwert, wenn man in Amerika als der fetteste Teenager durch die Nachrichten geisterte. Mit über 250kg musste sie damals aus ihrem Haus geschnitten und von einem Kran geborgen werden. Obwohl sie abgenommen hat, wieder das Haus verlassen kann, mental stärker geworden ist, hängt diese Geschichte ihr nach.

Und diese Beschreibung der Geschichte war auch ein Grund, warum ich das Buch eigentlich nicht lesen wollte, weil man denkt, alles sofort durchschaut zu haben.
Meine Gedanken sagten mir nämlich, alles klar, Lage sondiert – Jack und Libby werden sich verlieben, natürlich über Hindernisse, weil beliebter Schüler und Außenseiterin, da muss die Action nur so durch die Seiten flitzen.
Sie werden sich streiten, sie werden sich lieben, dann nochmal streiten und am Ende, da werden wir dann erfahren, ob der Streit wieder in Liebe übergeht oder nicht.  Für ein gutes Buch wird es natürlich die ewige Liebe, damit man ja auch nicht desillusioniert ist.

Okay, vielleicht wollte ich die Geschichte tatsächlich nicht lesen, weil ich sowieso wusste, wie sie wäre und dann kam Libby, hat alles eingestampft was ich dachte und hätte mir, wäre Papier dazu in der Lage, wohl eine Ohrfeige verpasst.
Na klar würde die Geschichte auf den ersten Blick so verlaufen, tut sie aber nicht. Sie ist so viel mehr, hat Zwischentöne, Tief- und Höhepunkte, aber vor allem dazwischen ganz viel Leben.

Die Geschichte wird abwechselnd erzählt, Jack war mir auf den ersten Seiten schon zu übercool, obwohl ich natürlich wusste, dass er nur seine Krankheit versucht zu überspielen, da er noch niemanden davon erzählt hat (selbst nicht seiner Familie) und obwohl ich mir vermutlich nicht mal annähernd vorstellen kann, welche Belastung dieses Geheimnis für ihn bedeuten muss, ist es längst kein Freifahrtschein als Stinkstiefel.  Ich hadere auch jetzt am Ende noch damit, ob ich ihn mag oder nicht.
Was ich mag ist, dass die Autorin sich Zeit nimmt, Gesichtsblindheit ausführlich zu erläutern, mit Jack zeigt, wo wirklich die Hindernisse im Alltag liegen und welche Hilfestellungen es gibt. Die Krankheit wird nicht zwischen die Seiten gezimmert, nur damit man auch ein ernstes Thema bespricht, es wird besprochen, weil es real ist, weil man darüber sprechen sollte.
Ich mag wie diese Seite des Charakters gezeichnet ist, seine verletzliche Seite, andererseits kann ich die Stinkstiefelseite nicht einfach ausblenden.

Anders ist es mit Libby, zu ihr habe ich eine ganz klare Meinung: Liebe.
Libby ist ein großartiges Mädchen, welches bei ihrem Vater wohnt. Bekannt geworden, als fettester Teenager, hängt dieser Ruf ihr nach, wie ein klebriger Kaugummi auf der Schuhsohle.
Schule kann grausam sein, mit dieser Hintergrundgeschichte ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass sie für viele ihrer Mitschüler ein leichtes Ziel ist. Sie versucht zwar stark zu sein, weil sie sich verändert hat, aber es ist schwer, sich selbst treu zu bleiben, wenn die Welt dir immer wieder den Spiegel der Vergangenheit vorhält.
Aber Libby ist einfach klasse, wenn ich mir eine Freundin ausmalen würde, dann sie. Offen und ehrlich, aber dennoch liebevoll, knüpft sie Verbindungen zu alten Freunden und schafft einen kleinen Kreis aus Menschen um sich, die zu ihr halten. Beinahe wollte ich zu Beginn schreien: „Libby nicht, lass dich nicht auf Jack ein, du bist so viel mehr wert, als dieser Kerl!“, aber ehrlich, ein Buch anzuschreien ist ziemlich nutzlos.

Und es kommt, wie es kommen muss, die Liebesgeschichte steht in den Startlöchern, es gruselte mich, aber Jennifer Niven kann es, sie kann Realität abzeichnen. Können nicht alle Autoren. Liebesgeschichten in Büchern wirken auf mich manchmal so ekelhaft künstlich, weshalb ich meist einen großen Bogen darum mache, aber wenn sie dann so punktgenau und gut gelungen sind, wie diese hier, springe ich das nächste Mal freiwillig kopfüber in die Seiten.

Die Kunst von „Stell dir vor, dass ich dich liebe“ ist, dass es ernste Themen behandelt ohne sie von der Liebe in den Schatten stellen zu lassen. Liebe ist nicht die Spontanheilung, die Libby selbstsicherer und mutig macht oder Jack plötzlich offen mit seiner Krankheit werden lässt, sie ist, was sie ist – ein Gefühl, welches manchmal so furchtbar blendet, dass man die Welt um einen herum vergisst, bis sie wieder mit einem lauten Krach ihren Weg ins Leben zurücksucht. Und dann, dann kommt die Kunst der Menschen, ob sie in der Lage sind, die Liebe in den Alltag zu tragen oder unter der Schwierigkeit daran zerbrechen…

Ein Gedanke zu “Stell dir vor, dass ich dich liebe

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