Allein unter Veganern

Eine Reise durch das islamische Deutschland
Titel: Allein unter Veganern
Autor: Mark-Stefan Tietze
Genre: Erfahrung
Verlag: Rowohlt Berlin
Format: Broschiert, 240 Seiten
ISBN: 978-3871348273

 

Kauft doch wieder mal in der örtlichen Buchhandlung ein!

Inhalt:
Mark-Stefan Tietze isst wahnsinnig gerne Sahnejoghurt und sonntags sagt er zu einem guten Rührei auch nicht nein. Und Fleisch, Fleisch ist sowieso immer ein Renner. Was wäre nun, wenn genau er Veganer wird, für einhundert Tage?
Genau dieses Experiment wagt er! Ein Selbstversuch, der manchmal schwer an ihm zerrt, sind doch tierische Produkte allgegenwärtig. Plötzlich heißt es im Restaurant nachfragen und im Supermarkt muss erst einmal jede Zutatenliste feinsäuberlich geprüft werden.
Es gibt aber auch positive Aspekte, die Kilos purzeln und der Stolz auf einen selbst wächst.
Ernährung entwickelt sich heutzutage zu einem Statussymbol, wer etwas auf sich hält ist Veganer oder zumindest Vegetarier, der Umwelt und den Tieren zuliebe. Mark-Stefan Tietze nimmt die „Szene“ mal genauer unter die Lupe und findet eine ganz eigene Welt vor.

Meine Meinung:
Vorab: Nein, ich bin weder Vegetarier noch Veganer, ich esse tierische Produkt und zwar gerne, trotzdem, man kommt um das Thema ja nicht mehr herum. Die Supermarktregale sind gefüllt mit Veggie Produkte und Facebook spuckt mir mindestens ein Video am Tag aus, in dem irgendein Tier gequält wird, um für mich auf dem Teller zu landen. Von dem Buch habe ich mir deswegen erwartet, locker an das Thema herangeführt zu werden, ohne von einem drohenden Zeigefinger erschlagen zu werden.

Der Autor schreibt über seine Erfahrungen in der Welt der Veganer, sei es jetzt der Besuch im Veggie Supermarkt, die Schwierigkeit im Restaurant etwas zu finden oder auch so manches kurioses Geschmackserlebnis. Klingt eigentlich genau danach, was der Inhalt verspricht, nur leider hat das Ganze nicht wirklich Hand noch Fuß. Seine körperlichen Veränderungen gehen komplett unter, wobei einmal ist er von einer überwältigen Energie erfasst, von der er sicher ist, sie käme von der Ernährungsumstellung, während er dann am nächsten Tag wieder vollkommen schlapp ist – so Energieboosts kennt jedoch wohl jeder und nicht alle ernähren sich fleischlos.

Ich weiß, ich weiß – über das Thema vegane Ernährung, da können Veganer und Fleischesser stundenlang diskutieren, auf den selben Nenner wird man nicht kommen, eher ins Krankenhaus, weil die Diskussion eskaliert.
Fleischfresser: Die Kühe pupsen uns doch ein Loch in die Ozonschicht, wenn wir sie nicht essen.
Veganer: Wir müssten gar nicht so viele Kühe züchten, wenn du aufhören würdest, sie zu essen.
Fleischfresser: Dein Soja raubt uns den Regenwald!
Veganer: Dein billiges Fleisch fördert die Tierquälerei!
*Einsatz des Liedes „Neverending story“*

Und was ich wirklich entsetzlich finde, ist wie viele seine Freunde und Bekannten auf sein Experiment reagieren. In der Art: „Alter – biste noch ganz dicht?!“. Es geht sogar so weit, dass er sich davor scheut, es öffentlich zu sagen. Hallo? Er ernährt sich vegan, sein Geheimnis sind nicht, dass er heimlich kleine Hündchen tritt.

Natürlich unternehmen wir auch eine Reise in die Welt der Veggie Produkte, die so überwältigen vielfältig ist. Positiv herausheben muss ich, dass der Autor auch mal sagt, wenn etwas überhaupt nicht schmeckt, andererseits frage ich mich, ob einige Firmen seine Sponsoren waren. Jedes Produkt oder Restaurant wird beim Name genannt, was einen irgendwann so vorkommt, als würde man ein Werbeflugblatt lesen.

Was mich an dem Buch aber wirklich gestört hat: nahezu auf jeder zweiten Seite wird ausschweifend Alkohol getrunken. Nein, ich bin jetzt kein Moralapostel, ein Feierabendbier will ich niemanden verwehren, aber wenn beständig von Totalabstürzen berichtet wird, greif ich mir doch an den Kopf.
Würde man jetzt auf den Cover den Zusatz „Dauerwerbesendung“ einbauen und den Untertitel in „Expedition in die Welt des Alkoholrausches“ ändern, es wäre passend und ehrlicher.

Versöhnlicher stehe ich dem Autor am Ende gegenüber, wenn wir zu dem gemeinsamen Fazit kommen: konsequente Verzicht muss nicht sein, was wir brauchen, ist einen bewussteren Umgang mit Fleisch. Für jedes Stück muss ein Tier sein Leben lassen, es ist unumstößlich,  der Konsum sollte daher in Maßen und nicht Massen erfolgen.

Splitterfasernackt


Titel: Splitterfasernackt
Autor: Lilly Lindner
Genre: Erfahrung/Biografie
Seiten: 400
ISBN: 978-3426226063

Erste Sätze:
Vielleicht arbeite ich ja nur deshalb in einem Bordell, weil Männer an einem Ort wie diesem für ihre Triebe bezahlen müssen und weil sie auf diesem Weg nicht einmal annähernd zu meinem Herzen durchdringen können. Sie sind nur ein flüchtiger Schwarm zirpender Wanderheuschrecken. Ein Rudel schwanzwedelnder Hunde.

Klappentext:
„Wenn ich Sex auf dem goldenen Himmelbett im Zimmer vier habe, starre ich verloren den orange-gelben Leuchtschlauch an. Ich fühle einen Körper auf mir – gut, wenn er nicht verschwitzt und klebrig ist. Schlecht, wenn er es doch ist. Ich schlinge meine verzweifelten Arme um einen Kunden, wenn ich ihn mag. Ich lasse meine Arme schlaff auf dem Bettlaken verweilen, wenn ich ihn nicht mag. Ein unbedeutendes Stöhnen an meinem Ohr, eine Wange ganz dicht an meiner. Wenn ich meinen Gast nett finde, ist es okay, wenn nicht, bin ich woanders. Den schlimmsten Sex im Leben kann man nur einmal habe. Und ich habe ihn längst hinter mir. Damals…“

Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit und eines im Innersten verletzten Mädchens.

Inhalt:
Im Alter von 6 Jahren wird Lilly Lindner, das erste Mal, von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Ohne wirkliche Vertrauensbeziehung zu ihren Eltern aufgewachsen, verschweigt sie ihnen die Vorfälle, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, um einen Schutzraum für sich selbst zu finden. Jegliches Gefühl für den Körper verloren, beginnt sie mit 13 Jahren zu hungern. Der Körper, welcher mit so viel Schmerz und Qual verbunden ist, soll verschwinden.
Im Alter von 17 Jahren wird sie abermals vergewaltigt, dieses Mal jedoch von einer Gruppe Männer. Als wäre dies nicht alles traumatisch genug, bringt der Tod ihrer besten Freundin Lilly auf die Idee, ihr Leben und sich selbst wieder selbst zu finden. Ihre Idee: Es waren Männer, die ihren Körper stahlen, es sollen Männer sein, die ihn ihr wieder zurückgeben.
So begibt sie sich in ein Leben voller käuflicher Liebe, was ihre zarte Seele belastet, doch ist es auch diese Welt, in der sie zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit wahrnimmt.

Meine Meinung:
Für viele mag es vielleicht unverständlich sein, wie ein junges Mädchen, welches in ihrer Kindheit solch traumatischen Erlebnissen hat, in die Prostitution einsteigen kann. Nach dem Lesen sollte jedoch jedes Unverständnis aus dem Weg geräumt sein und das macht das Buch aus. Es erklärt, offen und schonungslos.
Man lernt Lilly langsam kennen, das Mädchen was sie war und was sie wurde als sie 6 Jahre alt war. Diese Verzweiflung, wenn sie im Stiegenhaus, vor der Tür ihres Peinigers sitzt und darauf wartet, dass ein Teil von ihr selbst endlich wieder herauskommt und sich mit ihr vereinigt, sie wieder komplett macht, ist so deutlich spürbar, dass ich ziemlich häufig eine Pause einlegen musste.
Ihre Essstörung, besonders aber ihre Gedanken gegenüber ihren Körper sind erschreckend, jedoch verständlich. Je mehr Seiten ich las, desto mehr verstand ich Lillys Handeln und Tun. Natürlich erkannt ich dahinter immer die Krankheit und trotzdem irgendwie auch die Notwendigkeit, die Lilly in allen ihren Handlungen sah.
Gedacht hatte ich mir, dass ein Hauptaugenmerk im Buch auf ihr Leben im Bordell gerichtet sein würde. Es stimmt schon und wieder auch nicht. Man lernt zwar die anderen Mädchen dort kennen, ihre Probleme und Sehnsüchte, lacht manchmal mit ihnen. Die Atmosphäre im Bordell war ganz anders, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Unter dem Mädchen war so viel Wärme und Fürsorge wahrnehmbar, dass man beinahe vergaß, an welchen Ort man sich befand. Es hätte sich durchaus auch um eine WG handeln können, wenn da nicht dazwischen Kundenbesuch gewesen wäre. Das erfährt man, aber mehr schreibt Lilly über ihre Gedanken an die Vergangenheit und Gegenwart. Besonders ihre zwei Freunde Chase und Lady sind mir im Gedächtnis geblieben, weil mein erster Gedanke war: wie kommt dieses liebenswerte Wesen nur zu zwei solchen Gestalten, aber jedes Gespräch zwischen ihnen hat mir mehr gezeigt, hinter dieser harten und manchmal abstoßenden Fassade, befinden sich die besten Freunde, solche, die mit einem durch dick und dünn gehen, einen niemals alleine lassen und so was kann man nur jeden wünschen.

Was das Buch „auszeichnet“ ist vermutlich Lillys einzigartiges Gefühl für Worte. Man hat eine traurige und schreckliche Handling, die in so wunderbare Worte gekleidet ist, dass es zu einzigartiger Poesie wird. Alle Buchstabe scheinen mit Bedacht gewählt, nie dem Zufall überlassen und genau deswegen wirkt die Geschichte nach. Lässt sich nicht weglegen und vergessen, sie bleibt im Kopf und im Herzen, abgespeichert zwischen tiefer Traurigkeit und unglaublicher Nähe.

Fazit:
Splitterfasernackt ist nicht nur einfach ein Buch, es ist eine eigene Welt. Sowohl Geschichte, aber auch der Schreibstil sind außergewöhnlich und werden einen nicht mehr so schnell loslassen. Nur zu empfehlen!

Zitatesammlung zum Buch: hier!