Schneeengel


Titel: Schneeengel
Originaltitel: Dancing through the Snow
Autor: Jean Little
Genre: Jugendbuch (ab 10 Jahren)
Seiten: 258
ISBN: 978-3401502335

Erste Sätze:
Min Randall saß auf einer Bank neben dem Parkplatz der Royal Bank und fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis ihre Pflegemutter Enid Bangs endlich die Filiale verließ.
„Beweg dich nicht vom Fleck, bis ich wiederkomme“, hatte sie gesagt, bevor sie verschwunden war.

Klappentext:
Die elfjährige Min ist ein Pflegekind, so lange sie denken kann. Kurz vor Weihnachten ist es wieder einmal so weit: ihre Pflegeeltern wollen sie loswerden. Aber das ist nichts Neues. Das war schon immer so. Doch warum will die Ärztin Jess sie plötzlich bei sich aufnehmen?
Jess überhäuft sie mit Aufmerksamkeiten und schenkt ihr sogar einen kleinen Hund. Kann Min es dies Mal wagen, Vertrauen zu fassen?

Meine Meinung:
Im Alter von drei Jahren wurde Minerva (Min) auf der Toilette eines Vergnügungsparks ausgesetzt, seitdem wandert sie von Pflegefamilie zu Pflegefamilie. Einzig Mrs Willis, die Sachbearbeiterin am Jugendamt, bleibt eine Konstante in ihrem Leben. Vor Weihnachten ist es wieder soweit, ihre Pflegefamilie entscheidet sich dazu, Min abzugeben, da sie mit der Distanziertheit des Mädchens nicht umgehen können. Sie haben nicht das Gefühl, jemals ihr Vertrauen zu erhalten, was bei ihrem Verhalten nicht sonderlich verwundert.
Mit dem Gedanken, Weihnachten in einem Heim, oder wieder wo Fremdes verbringen zu müssen, beginnt Min sich noch mehr von den Menschen zurückzuziehen, langsam gibt sie es auf, dass es für sie einen Platz gibt, an dem sie bleibt und einfach geliebt wird.
Alles ändert sich jedoch als die die Ärztin Jessica Hart am Jugendamt auftaucht und mit anhört, wie die Pflegemutter über Min redet, ihr ist klar – jetzt muss gehandelt werden. Kennt sie es doch selbst, wie es sich anfühlt, keine Familie zu haben, nirgendwohin zu gehören.

Was für ein Buch. Man erfährt langsam mehr über Min’s Leben, ihre Vergangenheit, aber besonders ihre Gefühlswelt wird einem authentisch aufgezeigt. Selbst spricht sie nicht sonderlich gerne, was es für ihre Umwelt schwer macht, Verständnis für sie zu finden, aber dem Leser werden auch ihre Gedanken näher gebracht und so fühlt man einfach sehr mit dem Mädchen mit, was noch so jung ist und trotzdem schon so viel Last auf ihren Schultern tragen muss.

Wir steigen in die Geschichte ein, dass ihre Pflegemutter, Min zum Jugendamt bringt, um sie dort „abzugeben“. Auf diesem Weg lernen wir auch Dr. Hart kennen, die Min von einem Krankenhausaufenthalt kennt und die immer schon eine Verbindung zu ihr empfand. Ich mag Dr.Harts spontane Handlung, ihre Offenheit, aber vor allem ihren Witz. Besonders durch sie kommt es immer wieder zu sehr lustigen Situationen, die die Geschichte ein wenig auflockern.
Was ich sagen kann, Min kommt zu Jessica Hart und wohnt für einige Zeit bei ihr. Im Buch wird das Zusammenleben der Beiden geschildert, ihre Probleme, aber auch die Ausdauer von Jessica, die Min alle Zeit der Welt lässt, bis sie sich öffnet.  Dr.Harts eigene Geschichte wird erst später im Buch erzählt, macht aber dann deutlich, warum gerade sie versucht Min ein zu Hause zu schenken.

Im Buch kommen auch Hunde vor und es ist wunderbar, wie es der Autorin gelingt, eine Parallele zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Auch bei Emily/Daisy (Hund) geht es um Vertrauen, was verloren scheint, erst wieder aufgebaut werden muss und um die viele Zeit die dafür notwendig ist, aber auch darum, dass sich alles letztlich lohnt.

Das Cover ist sehr weihnachtlich, es sind glitzernde Schneeflocken drauf, aber es ist definitiv nicht nur ein Winterbuch, zwar spielt die Geschichte zu dieser Zeit, aber diese Wärme die durch sie vermittelt wird, kann man das ganze Jahr gebrauchen.

Kritik gibt es für dieses Buch keine, alles passt zusammen, die Geschichte ist so wie sie ist nachvollziehbar und beeindruckend. Man liest und liest, vergisst die Welt um sich und hat das Gefühl, direkt mit Min verbunden zu sein.

Fazit:
Das Buch ist großartig, sollte unbedingt gelesen werden, von jedem. Ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, niemanden wird es kalt lassen.

Splitterfasernackt


Titel: Splitterfasernackt
Autor: Lilly Lindner
Genre: Erfahrung/Biografie
Seiten: 400
ISBN: 978-3426226063

Erste Sätze:
Vielleicht arbeite ich ja nur deshalb in einem Bordell, weil Männer an einem Ort wie diesem für ihre Triebe bezahlen müssen und weil sie auf diesem Weg nicht einmal annähernd zu meinem Herzen durchdringen können. Sie sind nur ein flüchtiger Schwarm zirpender Wanderheuschrecken. Ein Rudel schwanzwedelnder Hunde.

Klappentext:
„Wenn ich Sex auf dem goldenen Himmelbett im Zimmer vier habe, starre ich verloren den orange-gelben Leuchtschlauch an. Ich fühle einen Körper auf mir – gut, wenn er nicht verschwitzt und klebrig ist. Schlecht, wenn er es doch ist. Ich schlinge meine verzweifelten Arme um einen Kunden, wenn ich ihn mag. Ich lasse meine Arme schlaff auf dem Bettlaken verweilen, wenn ich ihn nicht mag. Ein unbedeutendes Stöhnen an meinem Ohr, eine Wange ganz dicht an meiner. Wenn ich meinen Gast nett finde, ist es okay, wenn nicht, bin ich woanders. Den schlimmsten Sex im Leben kann man nur einmal habe. Und ich habe ihn längst hinter mir. Damals…“

Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit und eines im Innersten verletzten Mädchens.

Inhalt:
Im Alter von 6 Jahren wird Lilly Lindner, das erste Mal, von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Ohne wirkliche Vertrauensbeziehung zu ihren Eltern aufgewachsen, verschweigt sie ihnen die Vorfälle, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, um einen Schutzraum für sich selbst zu finden. Jegliches Gefühl für den Körper verloren, beginnt sie mit 13 Jahren zu hungern. Der Körper, welcher mit so viel Schmerz und Qual verbunden ist, soll verschwinden.
Im Alter von 17 Jahren wird sie abermals vergewaltigt, dieses Mal jedoch von einer Gruppe Männer. Als wäre dies nicht alles traumatisch genug, bringt der Tod ihrer besten Freundin Lilly auf die Idee, ihr Leben und sich selbst wieder selbst zu finden. Ihre Idee: Es waren Männer, die ihren Körper stahlen, es sollen Männer sein, die ihn ihr wieder zurückgeben.
So begibt sie sich in ein Leben voller käuflicher Liebe, was ihre zarte Seele belastet, doch ist es auch diese Welt, in der sie zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit wahrnimmt.

Meine Meinung:
Für viele mag es vielleicht unverständlich sein, wie ein junges Mädchen, welches in ihrer Kindheit solch traumatischen Erlebnissen hat, in die Prostitution einsteigen kann. Nach dem Lesen sollte jedoch jedes Unverständnis aus dem Weg geräumt sein und das macht das Buch aus. Es erklärt, offen und schonungslos.
Man lernt Lilly langsam kennen, das Mädchen was sie war und was sie wurde als sie 6 Jahre alt war. Diese Verzweiflung, wenn sie im Stiegenhaus, vor der Tür ihres Peinigers sitzt und darauf wartet, dass ein Teil von ihr selbst endlich wieder herauskommt und sich mit ihr vereinigt, sie wieder komplett macht, ist so deutlich spürbar, dass ich ziemlich häufig eine Pause einlegen musste.
Ihre Essstörung, besonders aber ihre Gedanken gegenüber ihren Körper sind erschreckend, jedoch verständlich. Je mehr Seiten ich las, desto mehr verstand ich Lillys Handeln und Tun. Natürlich erkannt ich dahinter immer die Krankheit und trotzdem irgendwie auch die Notwendigkeit, die Lilly in allen ihren Handlungen sah.
Gedacht hatte ich mir, dass ein Hauptaugenmerk im Buch auf ihr Leben im Bordell gerichtet sein würde. Es stimmt schon und wieder auch nicht. Man lernt zwar die anderen Mädchen dort kennen, ihre Probleme und Sehnsüchte, lacht manchmal mit ihnen. Die Atmosphäre im Bordell war ganz anders, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Unter dem Mädchen war so viel Wärme und Fürsorge wahrnehmbar, dass man beinahe vergaß, an welchen Ort man sich befand. Es hätte sich durchaus auch um eine WG handeln können, wenn da nicht dazwischen Kundenbesuch gewesen wäre. Das erfährt man, aber mehr schreibt Lilly über ihre Gedanken an die Vergangenheit und Gegenwart. Besonders ihre zwei Freunde Chase und Lady sind mir im Gedächtnis geblieben, weil mein erster Gedanke war: wie kommt dieses liebenswerte Wesen nur zu zwei solchen Gestalten, aber jedes Gespräch zwischen ihnen hat mir mehr gezeigt, hinter dieser harten und manchmal abstoßenden Fassade, befinden sich die besten Freunde, solche, die mit einem durch dick und dünn gehen, einen niemals alleine lassen und so was kann man nur jeden wünschen.

Was das Buch „auszeichnet“ ist vermutlich Lillys einzigartiges Gefühl für Worte. Man hat eine traurige und schreckliche Handling, die in so wunderbare Worte gekleidet ist, dass es zu einzigartiger Poesie wird. Alle Buchstabe scheinen mit Bedacht gewählt, nie dem Zufall überlassen und genau deswegen wirkt die Geschichte nach. Lässt sich nicht weglegen und vergessen, sie bleibt im Kopf und im Herzen, abgespeichert zwischen tiefer Traurigkeit und unglaublicher Nähe.

Fazit:
Splitterfasernackt ist nicht nur einfach ein Buch, es ist eine eigene Welt. Sowohl Geschichte, aber auch der Schreibstil sind außergewöhnlich und werden einen nicht mehr so schnell loslassen. Nur zu empfehlen!

Zitatesammlung zum Buch: hier!