Der Poet der kleinen Dinge


Titel: Der Poet der kleinen Dinge
Originaltitel: Vivement l’avenir
Autor: Marie-Sabine Roger
Genre: Belletristik
Seiten: 240
ISBN: 978-3455400953

Erste Sätze:
Wie das Gespräch darauf gekommen ist, weiß ich nicht mehr genau.
Es passierte einfach.
Vielleicht hatte es mit den Kötern zu tun. Damit, dass sie im Fernsehen erzählt haben, wie viele von ihnen zum Ferienanfang im Tierheim landen. All diese braven Wauwaus mit ihren feuchten Schnauzen und den treuherzigen braunen Augen.

Klappentext:
Manchmal braucht es nicht viel, um ein ganzes Leben zu verändern.

Gérard ist verrückt nach Popcorn, trägt Gedichte vor, die keiner versteht, und lacht sich kaputt, ohne zu wissen, warum. Niemand kann etwas mit ihm anfangen. Nur die Herumtreiberin Alex, die bei seinem Bruder zur Untermiete wohnt, hat den schrägen Poeten ins Herz geschlossen. Und da Gérard so wenig vom Leben hat, schmiedet sie einen abenteuerlichen Plan.

Meine Meinung:
Es ist zwar Gérards Leben was erzählt wird, allerdings nicht aus seiner Sicht, nein, wir lernen ihn durch Alex, eine 30-jährige Herumtreiberin, kennen, die bei seinem Bruder Bertrand zur Untermiete wohnt. Der geistig und körperlich zurückgebliebene Mann findet in ihr jemanden, der sich Zeit nimmt, seine Worte zu entwirren. Es ist meist ein undeutliches Nuscheln und im Gegensatz zu Alex, stört diese Einfältigkeit besonders Bertrands Ehefrau Marlène. Sie ist eine Hauptbezugsperson von Gérard, ist ihm gegenüber allerdings meist sehr freindselig. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob sie wirklich schon immer diese bösartige Ader ausgelebt hat, oder einfach nur, weil ihr nach der langen Zeit mit Gérard einfach die Kraft fehlt, eine Maskerade aufrecht zu erhalten. Die Pflege scheint sie zu überfordern, besonders weil diese Aufgabe ihr alleine bleibt, Bertrand scheint vollkommen abwesend und teilnahmslos zu sein.  Allerdings kann man es auch ihm nicht wirklich verübeln, musste er doch sein ganzes Leben schon Rücksicht auf Gérard nehmen.

Alex ist jedoch nicht die einzige Erzählerin in diesem Buch, da gibt es noch den 28-jährigen Cédric, der auch in diesem kleinen Ort wohnt, der von Trostlosigkeit nur so übergeht. Seiner alten Liebe nachtrauernd, sitzt er stundenlang mit seinem Freund Oliver, Spitzname Zackenbarsch, an einem Kanal und träumt vor sich hin. An diesem Kanal kommt es auch immer wieder zu Begegnungen mit Alex, wobei es meist einfach nur ein flüchtiges aneinander vorbeigehen ist. Ein Zufall bringt die beiden näher und lässt sie Gemeinsamkeiten untereinander entdecken.

Die eigentlichen Kapitel haben eine dickgeschriebene Überschrift und an denen erkennt man auch immer, wann die Perspektive von Alex zu Cédric wechselt. Die beiden erzählen abwechselnd ihre Sicht auf die Dinge und wie sie Situationen wahrnehmen.

Alex nennt Gérard übrigens Roswell,  weil sein Körper sie ein wenig an ein Wesen aus einem anderen Universum erinnert, allerdings ist dieser Spitzname keinesfalls böse gemeint, aber die Behinderung lässt sich nun mal nicht übersehen und er heißt schließlich nur in ihren Gedanken so, niemals würde sie ihn öffentlich sagen.

Beim „Labyrinth der Wörter“ von Marie-Sabine Roger habe ich am meisten kritisiert, dass es emotionslos und stupf geschrieben sei, wenn ich etwas sagen kann, dann doch eindeutig: „Der Poet der kleinen Dinge“ ist vollkommen anders. Während dem Lesen kommt man den einzelnen Personen näher, fühlt was sie fühlen.

Nun hat der Titel bis jetzt nichts mit dem Buch zu tun, wo bleibt der Poet? Gérard ist er. Seine Leidenschaft ist es, Gedichte zu zitieren, die ihn scheinbar seine Mutter einmal beigebracht hat. Es zeigt deutlich, dass bei ihm trotz seiner Beeinträchtigung Intelligenz vorhanden ist, immerhin kann er zig Gedicht auswendig.

Fazit:
Eine Geschichte mit Tiefgang, die zum Nachdenken anregt, aber auch ein wenig das Leben verändert, zumindest für den Moment des Lesens.

Traumwelten

Titel: Traumwelten
Autor: Karsten Eckert
Genre: Belletristik
Seiten: 262
ISBN: 978-3869911137

Erste Sätze:
„Endlich Feierabend“ schrie es vor Freude in Julia, als sie die Tür der kleinen Damenboutique zuschloss. Es war kurz nach zwanzig Uhr und langsam kehrte Ruhe in der Innenstadt und der großen Einkaufsstraße ein. Es gab aber einen noch viel wichtigeren Grund, warum Julia sich so überaus auf ihren Feierabend freute. Zwei Wochen Urlaub.

Klappentext:
Die junge Verkäuferin Julia begibt sich auf eine außergewöhnliche Reise ins Ich. Tagträume führen die schüchterne und zurückgezogen lebende junge Frau durch das Leben vieler verschiedener, besonderer Menschen. Die geistige Reise führt sie durch alle Gesellschaftsschichten und lässt Julia ihr eigenes Leben in Frage stellen. Mit der Zeit wird ihr immer klarer, dass sie diese Selbstfindungsreise nicht allein steuert, sondern von jemand anderem geleitet wird.
Aber von wem?

Inhalt:
Das Leben der jungen Verkäuferin Julia wird von ihrer Schüchternheit dominiert. In ihrem Urlaub beschließt sie, etwas an der ganzen Situation zu ändern, in dem sie eine Reise unternimmt – eine Gedankenreise. An jedem ihrer Urlaubstage begibt sie sich unter Menschen, sucht sich solche, die auf den ersten Blick interessant wirken und träumt über ihr Leben. Wer sind sie? Warum machen sie, was sie machen? Wohin gehen sie? Worauf warten sie? usw.
Jeder dieser Lebensträume ist nicht nur eine Reise in die Welt von fremden Menschen, nein, für Julia wird es eine einzigartige Selbstfindungsreise.

Meine Meinung:
Zu Beginn hatte ich einige Startschwierigkeiten mit der Geschichte, wobei kein richtiger Grund nennbar wäre, allerdings ist auch zu erwähnen, dass ich nach 40 Seiten mich auf das Buch einlassen konnte und danach sind alle Hindernisse vom Anfang wie weggeblasen.
Julia ist auf den ersten Seiten ein leeres Blatt, man findet relativ langsam einen Zugang zu ihr und hat man ihn mal, kann ich trotzdem nicht sagen, dass sie mir sympathisch wäre.
Normalerweise ein k.o. Kriterium für ein Buch, nicht so bei Traumwelten. Zwar steht auf den Klappentext, dass es sich bei der Geschichte um eine Selbstfindungsreise handelt, für mich ist es aber eine Gesellschaftsstudie. Die Tagträume sind anfangs etwas ungewohnt, aber mit jedem weiteren verliert man sich in den verschiedenen Lebensgeschichten, hat deutlich ein Bild vor Augen, weil es dem Autor gelingt, so viel Realität in die Träume zu bringen, dass der Leser einfach mitfühlen muss.
Und diese greifbare Realität wird zu einem Kritikpunkt, weil sie nicht bis zum Ende durchgehalten wird. Das Ende ist so gewollt, so unrealistisch und lässt einen einfach unzufrieden zurück. Die Geschichte thematisiert großartig das Thema Schüchternheit und die daraus resultierenden Folgen, ein Problem, welches ich noch nie so deutlich thematisiert in einem Buch las, vermutlich hätte ich mir deswegen einfach ein vorstellbares Ende zum Abschluss gewünscht.

Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, eigentlich nur eine Sache daran und die lässt sich am leichtesten an einem Beispiel zeigen:
Noch einen Tag zuvor hätte Julia beide Beine unter die Hand genommen und wäre fort gerannt, aber heute war einer ihrer besseren Tage. Julia versuchte die Menge an Anwesenden halbwegs zu genießen.
Die Veränderung war Julia durchaus bewusst, gekonnt verdrängte sie die Tatsache wie alle Gedanken, die sich als störend erweisen könnten.(Seite 33)
Aufgefallen? Durchgehend kommt es im Buch immer wieder zu Wortwiederholungen, besonders was die Personennamen betrifft. Anfangs war ich schon sehr genervt davon, weil ich mir dachte: ist gut, langsam habe ich kapiert, dass es die Geschichte von Julia ist usw., nach einiger Zeit gewöhnt man sich aber daran.
Im Buch gibt es einige Rechtschreibfehler, was für den Gesamteindruck schon etwas störend ist, wobei sie dem Lesefluss nicht wirklich beeinflussen.

Trotz aller Kritik überwiegt letztlich doch das Positive. Traumwelten ist ein Buch, was mit keinem anderen vergleichbar wäre. Die Probleme mit der Schüchternheit, heißt Isolation und Einsamkeit, sind deutlich nachvollziehbar beschrieben, wenn auch Julia die Lage relativ leicht zu nehmen scheint – trotz erwähnter Selbstmordgedanken.
Die Tagträume lassen einen mitfühlen und über die Menschen nachdenken, über ihre Gründe hinter vielen Handlungen.

Fazit:
Zwischen einigen Schwachstellen verbirgt sich eine wunderbare Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

Splitterfasernackt


Titel: Splitterfasernackt
Autor: Lilly Lindner
Genre: Erfahrung/Biografie
Seiten: 400
ISBN: 978-3426226063

Erste Sätze:
Vielleicht arbeite ich ja nur deshalb in einem Bordell, weil Männer an einem Ort wie diesem für ihre Triebe bezahlen müssen und weil sie auf diesem Weg nicht einmal annähernd zu meinem Herzen durchdringen können. Sie sind nur ein flüchtiger Schwarm zirpender Wanderheuschrecken. Ein Rudel schwanzwedelnder Hunde.

Klappentext:
„Wenn ich Sex auf dem goldenen Himmelbett im Zimmer vier habe, starre ich verloren den orange-gelben Leuchtschlauch an. Ich fühle einen Körper auf mir – gut, wenn er nicht verschwitzt und klebrig ist. Schlecht, wenn er es doch ist. Ich schlinge meine verzweifelten Arme um einen Kunden, wenn ich ihn mag. Ich lasse meine Arme schlaff auf dem Bettlaken verweilen, wenn ich ihn nicht mag. Ein unbedeutendes Stöhnen an meinem Ohr, eine Wange ganz dicht an meiner. Wenn ich meinen Gast nett finde, ist es okay, wenn nicht, bin ich woanders. Den schlimmsten Sex im Leben kann man nur einmal habe. Und ich habe ihn längst hinter mir. Damals…“

Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit und eines im Innersten verletzten Mädchens.

Inhalt:
Im Alter von 6 Jahren wird Lilly Lindner, das erste Mal, von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Ohne wirkliche Vertrauensbeziehung zu ihren Eltern aufgewachsen, verschweigt sie ihnen die Vorfälle, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, um einen Schutzraum für sich selbst zu finden. Jegliches Gefühl für den Körper verloren, beginnt sie mit 13 Jahren zu hungern. Der Körper, welcher mit so viel Schmerz und Qual verbunden ist, soll verschwinden.
Im Alter von 17 Jahren wird sie abermals vergewaltigt, dieses Mal jedoch von einer Gruppe Männer. Als wäre dies nicht alles traumatisch genug, bringt der Tod ihrer besten Freundin Lilly auf die Idee, ihr Leben und sich selbst wieder selbst zu finden. Ihre Idee: Es waren Männer, die ihren Körper stahlen, es sollen Männer sein, die ihn ihr wieder zurückgeben.
So begibt sie sich in ein Leben voller käuflicher Liebe, was ihre zarte Seele belastet, doch ist es auch diese Welt, in der sie zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit wahrnimmt.

Meine Meinung:
Für viele mag es vielleicht unverständlich sein, wie ein junges Mädchen, welches in ihrer Kindheit solch traumatischen Erlebnissen hat, in die Prostitution einsteigen kann. Nach dem Lesen sollte jedoch jedes Unverständnis aus dem Weg geräumt sein und das macht das Buch aus. Es erklärt, offen und schonungslos.
Man lernt Lilly langsam kennen, das Mädchen was sie war und was sie wurde als sie 6 Jahre alt war. Diese Verzweiflung, wenn sie im Stiegenhaus, vor der Tür ihres Peinigers sitzt und darauf wartet, dass ein Teil von ihr selbst endlich wieder herauskommt und sich mit ihr vereinigt, sie wieder komplett macht, ist so deutlich spürbar, dass ich ziemlich häufig eine Pause einlegen musste.
Ihre Essstörung, besonders aber ihre Gedanken gegenüber ihren Körper sind erschreckend, jedoch verständlich. Je mehr Seiten ich las, desto mehr verstand ich Lillys Handeln und Tun. Natürlich erkannt ich dahinter immer die Krankheit und trotzdem irgendwie auch die Notwendigkeit, die Lilly in allen ihren Handlungen sah.
Gedacht hatte ich mir, dass ein Hauptaugenmerk im Buch auf ihr Leben im Bordell gerichtet sein würde. Es stimmt schon und wieder auch nicht. Man lernt zwar die anderen Mädchen dort kennen, ihre Probleme und Sehnsüchte, lacht manchmal mit ihnen. Die Atmosphäre im Bordell war ganz anders, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Unter dem Mädchen war so viel Wärme und Fürsorge wahrnehmbar, dass man beinahe vergaß, an welchen Ort man sich befand. Es hätte sich durchaus auch um eine WG handeln können, wenn da nicht dazwischen Kundenbesuch gewesen wäre. Das erfährt man, aber mehr schreibt Lilly über ihre Gedanken an die Vergangenheit und Gegenwart. Besonders ihre zwei Freunde Chase und Lady sind mir im Gedächtnis geblieben, weil mein erster Gedanke war: wie kommt dieses liebenswerte Wesen nur zu zwei solchen Gestalten, aber jedes Gespräch zwischen ihnen hat mir mehr gezeigt, hinter dieser harten und manchmal abstoßenden Fassade, befinden sich die besten Freunde, solche, die mit einem durch dick und dünn gehen, einen niemals alleine lassen und so was kann man nur jeden wünschen.

Was das Buch „auszeichnet“ ist vermutlich Lillys einzigartiges Gefühl für Worte. Man hat eine traurige und schreckliche Handling, die in so wunderbare Worte gekleidet ist, dass es zu einzigartiger Poesie wird. Alle Buchstabe scheinen mit Bedacht gewählt, nie dem Zufall überlassen und genau deswegen wirkt die Geschichte nach. Lässt sich nicht weglegen und vergessen, sie bleibt im Kopf und im Herzen, abgespeichert zwischen tiefer Traurigkeit und unglaublicher Nähe.

Fazit:
Splitterfasernackt ist nicht nur einfach ein Buch, es ist eine eigene Welt. Sowohl Geschichte, aber auch der Schreibstil sind außergewöhnlich und werden einen nicht mehr so schnell loslassen. Nur zu empfehlen!

Zitatesammlung zum Buch: hier!