Herzsprung


Titel: Herzsprung
Autor: Brigitte Blobel
Genre: Jugendbuch
Seiten: 223
ISBN: 978-3401025445

Erste Sätze:
Beim Frühstück, wenn Michael und mein kleiner Halbbruder Tom noch schlafen, denke ich manchmal: Warum sagt sie nichts? Warum fragt Mutter mich nie? Warum hat sie mich so viele Jahre lang nicht gefragt?
Aber vielleicht weiß sie ja alles.

Klappentext:
Nina lebt in einer nach außen hin perfekten Familie. Doch sie trägt schwer an einem Geheimnis, von dem niemand etwas ahnt – Nina wurde von ihrem Stiefvater sexuell mißbraucht. Kurz vor ihrem 15. Geburtstag steht Nina vor der Entscheidung, ihr Geheimnis preiszugeben: Sie ist verliebt.

Meine Meinung:
Als Nina knapp über 8 Jahre alt ist, findet ihre Mutter in Michael den perfekten Partner. Er ist verantwortungsbewusst, akzeptiert Nina wie eine eigene Tochter und ist nach außen hin der fürsorgliche Familienvater. Was niemand weißt, ab ihrem neunten Lebensjahr beginnt er das Mädchen sexuell zu missbrauchen. Aus Scham und Angst schweigt sie, redet ihr doch der Stiefvater all die Jahre ein, sie würde ihre Familie zerstören und in einem Heim landen, wenn sie ein Wort über die Sache verliert. So schweigt sie.

Die Geschichte wird aus der Sicht der 14-jährigen Nina erzählt, die mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrem Halbbruder zusammenwohnt. Nach all den Jahren schweigt sie immer noch und ist sich sicher, niemals jemanden etwas über ihr Geheimnis zu erzählen, hat sie doch leider die Erfahrung gemacht, dass ihr sowieso nicht geglaubt wird. Zwar hat ihr Stiefvater sie seit etwa einem Jahr nicht mehr missbraucht, doch bleibt trotzdem die Erinnerung, die sie jeden  Tag verfolgt.
Auf den ersten Blick wirkt Michael, ihr Stiefvater, durchaus sympathisch, kümmert er sich doch aufopferungsvoll  um die Familie. Er unternimmt viel mit ihnen, spielt liebevoll mit seinem Sohn und kümmert sich um Nina. Besonders diese Tatsache fand ich sehr gut umgesetzt, dieses Versteckspiel: da ist der gute Vater, um den alle Nina bewundern und auf der anderen Seite sind da diese Momente, in denen er sich verändert – diese Veränderungen hat er nur gegenüber Nina, der Rest der Familie bekommt davon nichts mit, oder möchte nichts davon mitbekommen.

Zwar ist in Nina immer schon der Wunsch vorhanden, mit jemanden über die Geschehnisse zu sprechen, doch weiß sie nicht, an wen sie sich wenden darf, wer sie deswegen nicht ablehnen würde.
Florian ist für sie zuerst nur irgendein Junge, den sich auf einer Party kennenlernt. Wie Jungs in diesem Alter sind, versucht er Nina nahe zu kommen, hat er sich doch in sie verliebt. Zuerst findet sie in viel zu aufdringlich, nimmt er sich doch einfach so in den Arm, was sie nicht aushält. Berührungen wecken düstere Erinnerungen in ihr, sie reagiert mit Wut und Ablehnung, doch anstelle von Ruhe zu geben, bemüht sich Florian nur noch umso mehr um sie. Merkt, dass sie ein Geheimnis in sich trägt, was sie langsam zerfrisst. Er hört ihr zu, scheint zu merken, wann sie Nähe ertragen kann und wann nicht. Langsam fasst auch Nina Vertrauen zu ihm und steht vor der Entscheidung, ob sie ihrer Liebe eine Chance geben soll. Liebe würde bedeuten, dass er ihr Geheimnis kennenlernen würde, doch ob er es ertragen kann? Ich mag Florian, besonders sein Verhalten. Er bemüht sich um Nina, zu Beginn ist er ziemlich aufdringlich, doch sobald er merkt, dass Nina ihren Freiraum braucht, versucht er ihn ihr zu geben, hat er doch eigentlich auch ein Geheimnis. Ihn zu haben, ist für sie ein wahrer Glücksgriff.
Ninas Stiefvater steht dieses Liebe skeptisch gegenüber, merkt er doch selbst, dass ihr gemeinsames „Geheimnis“ in Gefahr ist, so setzt er sie immer mehr unter Druck, wieder auf diese Art und Weise, dass die Familie es scheinbar nicht mitbekommt.

Ich glaube, dieses Jugendbuch ist das Beste, was ich zu diesem Thema je gelesen habe. Man spürt direkt Ninas Zerrissenheit, ihr Verlangen endlich über den Missbrauch zu sprechen, allerdings auch die Angst, über all die möglichen Konsequenzen. Auch der Stiefvater ist sehr gut beschrieben, er wirkt wie ein vollkommener Vater, nur bei Nina zeigt er sein wahres Gesicht.

Fazit:
Sexueller Missbrauch passiert überall, auch in Familien, in denen man es auf den ersten Blick nicht vermutet, wirken sie doch alle glücklich. Hinter der Fassade sieht es oft anders aus, „Herzsprung“ gibt einen Blick auf das undenkbare frei. Lesenswert.

Splitterfasernackt


Titel: Splitterfasernackt
Autor: Lilly Lindner
Genre: Erfahrung/Biografie
Seiten: 400
ISBN: 978-3426226063

Erste Sätze:
Vielleicht arbeite ich ja nur deshalb in einem Bordell, weil Männer an einem Ort wie diesem für ihre Triebe bezahlen müssen und weil sie auf diesem Weg nicht einmal annähernd zu meinem Herzen durchdringen können. Sie sind nur ein flüchtiger Schwarm zirpender Wanderheuschrecken. Ein Rudel schwanzwedelnder Hunde.

Klappentext:
„Wenn ich Sex auf dem goldenen Himmelbett im Zimmer vier habe, starre ich verloren den orange-gelben Leuchtschlauch an. Ich fühle einen Körper auf mir – gut, wenn er nicht verschwitzt und klebrig ist. Schlecht, wenn er es doch ist. Ich schlinge meine verzweifelten Arme um einen Kunden, wenn ich ihn mag. Ich lasse meine Arme schlaff auf dem Bettlaken verweilen, wenn ich ihn nicht mag. Ein unbedeutendes Stöhnen an meinem Ohr, eine Wange ganz dicht an meiner. Wenn ich meinen Gast nett finde, ist es okay, wenn nicht, bin ich woanders. Den schlimmsten Sex im Leben kann man nur einmal habe. Und ich habe ihn längst hinter mir. Damals…“

Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit und eines im Innersten verletzten Mädchens.

Inhalt:
Im Alter von 6 Jahren wird Lilly Lindner, das erste Mal, von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Ohne wirkliche Vertrauensbeziehung zu ihren Eltern aufgewachsen, verschweigt sie ihnen die Vorfälle, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, um einen Schutzraum für sich selbst zu finden. Jegliches Gefühl für den Körper verloren, beginnt sie mit 13 Jahren zu hungern. Der Körper, welcher mit so viel Schmerz und Qual verbunden ist, soll verschwinden.
Im Alter von 17 Jahren wird sie abermals vergewaltigt, dieses Mal jedoch von einer Gruppe Männer. Als wäre dies nicht alles traumatisch genug, bringt der Tod ihrer besten Freundin Lilly auf die Idee, ihr Leben und sich selbst wieder selbst zu finden. Ihre Idee: Es waren Männer, die ihren Körper stahlen, es sollen Männer sein, die ihn ihr wieder zurückgeben.
So begibt sie sich in ein Leben voller käuflicher Liebe, was ihre zarte Seele belastet, doch ist es auch diese Welt, in der sie zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit wahrnimmt.

Meine Meinung:
Für viele mag es vielleicht unverständlich sein, wie ein junges Mädchen, welches in ihrer Kindheit solch traumatischen Erlebnissen hat, in die Prostitution einsteigen kann. Nach dem Lesen sollte jedoch jedes Unverständnis aus dem Weg geräumt sein und das macht das Buch aus. Es erklärt, offen und schonungslos.
Man lernt Lilly langsam kennen, das Mädchen was sie war und was sie wurde als sie 6 Jahre alt war. Diese Verzweiflung, wenn sie im Stiegenhaus, vor der Tür ihres Peinigers sitzt und darauf wartet, dass ein Teil von ihr selbst endlich wieder herauskommt und sich mit ihr vereinigt, sie wieder komplett macht, ist so deutlich spürbar, dass ich ziemlich häufig eine Pause einlegen musste.
Ihre Essstörung, besonders aber ihre Gedanken gegenüber ihren Körper sind erschreckend, jedoch verständlich. Je mehr Seiten ich las, desto mehr verstand ich Lillys Handeln und Tun. Natürlich erkannt ich dahinter immer die Krankheit und trotzdem irgendwie auch die Notwendigkeit, die Lilly in allen ihren Handlungen sah.
Gedacht hatte ich mir, dass ein Hauptaugenmerk im Buch auf ihr Leben im Bordell gerichtet sein würde. Es stimmt schon und wieder auch nicht. Man lernt zwar die anderen Mädchen dort kennen, ihre Probleme und Sehnsüchte, lacht manchmal mit ihnen. Die Atmosphäre im Bordell war ganz anders, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Unter dem Mädchen war so viel Wärme und Fürsorge wahrnehmbar, dass man beinahe vergaß, an welchen Ort man sich befand. Es hätte sich durchaus auch um eine WG handeln können, wenn da nicht dazwischen Kundenbesuch gewesen wäre. Das erfährt man, aber mehr schreibt Lilly über ihre Gedanken an die Vergangenheit und Gegenwart. Besonders ihre zwei Freunde Chase und Lady sind mir im Gedächtnis geblieben, weil mein erster Gedanke war: wie kommt dieses liebenswerte Wesen nur zu zwei solchen Gestalten, aber jedes Gespräch zwischen ihnen hat mir mehr gezeigt, hinter dieser harten und manchmal abstoßenden Fassade, befinden sich die besten Freunde, solche, die mit einem durch dick und dünn gehen, einen niemals alleine lassen und so was kann man nur jeden wünschen.

Was das Buch „auszeichnet“ ist vermutlich Lillys einzigartiges Gefühl für Worte. Man hat eine traurige und schreckliche Handling, die in so wunderbare Worte gekleidet ist, dass es zu einzigartiger Poesie wird. Alle Buchstabe scheinen mit Bedacht gewählt, nie dem Zufall überlassen und genau deswegen wirkt die Geschichte nach. Lässt sich nicht weglegen und vergessen, sie bleibt im Kopf und im Herzen, abgespeichert zwischen tiefer Traurigkeit und unglaublicher Nähe.

Fazit:
Splitterfasernackt ist nicht nur einfach ein Buch, es ist eine eigene Welt. Sowohl Geschichte, aber auch der Schreibstil sind außergewöhnlich und werden einen nicht mehr so schnell loslassen. Nur zu empfehlen!

Zitatesammlung zum Buch: hier!